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Beethoven's Leben.

Dritter Band.

Beethoven's Leben

von

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Dritter Band.

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Die letzten zwolf Jahre<

1815—27.

LEIPZIG,

Ernst Julius Giinther.

1877.

Beethoven's letzte Jahre

von

LUDWIG NOHL.

LEIPZIG,

Ernst Julius Gtinther.

1877.

Alle Rechte, fur die Theile wie fur das Ganze, vorbebalten.

Der Verfasser.

Dem vaterlichen Freunde

Herrn Dr. Franz Liszt in Pest

ans inniger Liebe nnd Verehrnng.

Wera anders als Ihnen , mein theurer Meister, kann ich dieses Buch widmen, das zugleich ein Stuck meines Lebens 1st? Sie luden den Verfasser ein, bei der Ton- kunstlerversammlung in Weimar, die als die erste seinen hundertjahrigen Geburtstag feierte, ,,als wurdiger Biograph Beethovens zu fungiren", -- Sie bezeugten unermiidet Herz und Sinn zugleich fiir ein Unternehmen, das uns einen der grossten Menschen und Klinstler aller Zeiten auch nach seiner persontichen Art und Entwicklung darstellen sollte, - - Ihr Antheil starkte mir stets aufs neue das innerste Leben. Denn wie hier em echter Spross dieses Beethoven vor mir stand und mich empfinden liess, was einst ein sonst nicht gerade Vorgeschrittenster, L. Rellstab, unserem Meister selbst gegentiber empfunden hatte : ,,Von einem hochverdienten, beriihmten Maune, deren wir viele haben, bis zu einem wirk- lich grossen, ewig unerreichbarcn , welche Kluft!" - so brachte die schone Theilnahme, die Sie mir immer aufs neue an Ihrem Sein und Schaffen gonnten, mich auch stets diesem ungeheuren Geiste naher und half so der Wissenschaft, der Aufgaben schwerste, das hohe Rathsel der Kunst zu lo'sen.

Was ging einst in dem Innern eines edleff Jugendge- nossen von Beethoven, des Malers Gerhard Ktigelgen vor, als

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er die Inauguration der bald nachher so glorreich sich ent- faltenden Universitat in Bonn im Jahre 1786 erlebte? ,,Alle diese Anstalten huldigten in seinem Auge einem unbekannten Genius der Menschheit und sein Gemtith ahnete zum ersten Male die Hoheit der Wissenschaft", sagt er von sich selbst. ,,Die Erhebung, die er damals ftihlte, gab seinem Schulfleisse eine ernstere Richtung, er aehtete nun das Wissen und strebte nach Erkenntniss, aber sein Herz blieb liebevoll der Kunst zugewandt." Liegt nicht hier das Geheimniss des hohen Aufschwungs der Kunst unserer Tage? Und wahrlich, be- thatigte die Wissenschaft die gleiche Achtung vor der Kunst, es wurde mit unserer geistigen Gesammtcultur besser stehen und manche Lttcke derselben ausgefiillt werden konnen.

Allein dem ist nicht so , und darum habe ich es gerade vor Ihnen, der ebenfalls das Wissen und die Erkenntniss ehrt und liebt, oflfen auszusprechen, wie sehr die heutige Wissen- schaft zumal gegen unsere Kunst sich geradezu vergeht. Allerdings ich will nicht loben, was ich selbst einst an dem Besitzrecht der Forschung verbrach , als ich nach dem so fleissig philologisch gearbeiteten und ersten wissenschaftlich biographischen Werke der Musikliteratur , nach Otto Jahns ,,W. A. Mozart" mem Bild dieses Meisters herstellte. Allein was war es , was mich damals bewegte und selbst solche driickende Empfindungen und begriindete Bedenken tiber- winden liess? Das Gefuhl fiir die Kunst, das Gefiihl ftir diesen Kunstler, dessen so einzig menschlich-schones Bild in diesem beinahe iiberreich zu Tage geforderteu Material stecken geblieben war und formlich nach Erlosung , nach wirklichem Dasein rief! Ich setzte alles daran es ihm

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zu geben, und ob es mir gelungen, moge sich nach dem Umstande entscheiden , dass bereits seit langem das Werk vergrifFen und daher eine neue Auflage nothig geworden 1st, die denn zugleich seine Mangel nach Moglichkeit zu heben getrachtet hat.

Und wenn ich mir nun ferner bewusst sein darf, das was ich dort an der Wissenschaft und ihrem Besitz gefehlt haben mag, rnit der jetzt endlich abgeschlossenen selbststandigen Forschungsarbeit von ,,Beethovens Leben" wirklich gestihnt zu haben, so bestatigte die hassliche Art, womit jener Mann der Kunstgelehrtheit die edelsten Bestrebungen unserer Tage angriff und geradezu besudelte, man vergleiche 0. Jahns Gesammelte Aufsatze (Leipzig 1866) ,,Tannhauser" und ,, Lohengrin", nur meine triibe Erfahrung, dass die Achtung der Wissenschaft vor der Kunst noch nicht die gleiche ist wie umgekehrt. Und leider sind, das wissen Sie, verehrter Meister, nur zu gut, die meisten meiner Fach- collegen in dasselbe Geleise eingetreten und kutschiren lustig darauf los, die Wiirde der Kunst wie der Wissenschaft in gleich selbstmorderischer Weise preisgebend.

Was ist aber gar von unserer Kunstwissenschaft von heute zu denken , wenn man in einem so monumentalen Unternehmen wie der ;,Allgemeinen Deutschen Biographic", herausgegeben durch die historische Commission bei der Koniglichen Akademie der Wissenschaften in Miinchen, im Band II (erschienen 1875) den Artikel ,, Beethoven" liest? Ebenso kopflos angelegt wie sinnlos ausgefuhrt ist hier das Bild eines Mannes, der wahrlich vor vielen in diese litera- rische Walhalla nicht Deutschlands allein sondern der Welt

gehort. Und vor allem, es fehlt hier jede Spur von Ach- tung vor diesem Kiinstler wie vor sich selbst und vor der Wis- senschaft. Wusste dieser Fachmann, der doch selbst reclit brauchbares Handwerkszeug geliefert hat man vergleiche nur ,,Die Elemente der Musik" Leipzig 1862, ,, Koch's Musikalisches Lexikon" Heidelberg 1865, ,,Handbu<jh der Musikgeschichte" Leipzig 1868, wusste dieser Mann nicht, dass es in der Welt Leute gibt, die sich ganz speziell und seit Jahren mit diesem Gegenstand beschaftigen ? Des Amerikaners A. W. Thayers emsiges Forschen ist freilich hier gekannt, und soweit diese biographische Sammelarbeit geht d. h. bis zum Jahr 1805 ist wenigstens sachlich richtig referirt. Ebenso was fur die spatere und allein entscheidende Epoche des Meisters nach den vorhandenen Chronologischen und Thematischen Verzeichnissen' wenigstens uber die Ent- stehungszeit der Werke gegeben werden konnte, ist meistens nicht unrichtig. wenn auch sehr ungenau.

Allein ist dies Beethoven? Ist dies sein Standbild unter Bildern, die eine Ruhmeshalle unserer Nation vor sich und vor der ganzen Zeit und Nachwelt darstellcn sollen? Nicht einmal gekannt und ebenso schon desshalb nicht genannt ist das vorliegende Werk, dessen 2. Band, bis zum Jahre 1815 reichend, doch bereits im Jahre 1867 erschien und dessen 3. Band nach seiner 1. Abtheilung schon 1874, also ein voiles Jahr vor jener biographischen Skizze, herausgegeben bis zuin Jahre 1824 geht, also den Hohepunkt von Beethovens Leben und Schaffen erreicht hatte und nur noch drei Jahre seines Lebens und ftinf Werke seines ktinstlerischen Bildens fehlen liess ! Wo die Wissenschaft einer Kunst sich selbst

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so wenig respectirt, dass rein schriftstellerisch von Jedem tiber jedes geschrieben und in natiirlicher Folge davon ganz wie bei Fetis, der Biogr. univ. 2. Aufl. S. 319 ganz ruhig sagt: ,,Laissons le temps faire son ouevre sur toutes ces opinions", die Hauptsache, das Schlussurtheil tiber das ent- scheidendste Thun und Leisten des Kiinstlers mit den Worten ,,mogen andere entscheiden" abgethan wird, wo in der deutschen Wissenschaft solch kindisch frivoles Spiel mit ernstesten und besten Dingen getrieben wird, da in der That fluchtet man besser in diese" wahrhaft ernste und hohe Kunst selbst, und solchen Erscheinungen gegentiber, mein theurer Meister, ftihle ich erst ganz, was wir auch in dieser Hinsicht einer ernsten und hochgesinnten Aufnahme und Darstellung unserer edelsten und hochsten Ideale an unseren wahren Ktinstlern heute besitzen.

Nehmen Sie dieses mein Buch, dem zur Erganzung und leichteren Orientirung in der Sache selbst demnachst noch eine Sammlung der richtiggestellten zeitgenossischen Be- richte itber unseren Meister, wie von Neefe, Junker, Rei- chardt, Bettina von Arnim, Spohr, Weissenbach, Tomaschek, Bursy, Klober, Atterbom , Dr. Miiller, Russel, Rellstab, Stumpff u. s. w. folgen soil, nehmen Sie es nach Ihrer stets bereiten Nachsicht und Giite auf, Sie wissen, ich hange Ihrem Sein und Thun mit meiner Seele an. Denn nie hat ein Kiinstler und zumal ein nichtdeutscher unsere Kunst tiefer erfasst, in weiterem Umfange beherrscht und reiner gepflegt und hochgehalten als Sie, den einst, vor mehr als einem halben Jahrhundert, unser ergrauender Meister selbst liebend geriihrt in die Arme schloss und der heute wie damals ihre

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ganze Wiirde und geistige Bedeutung darstellt und uns aufs neue in die Hand gibt ! Ich habe alles gethan, meine Arbeit auch nach diesem Begriffe von der Wtirde des Gegenstandes auszufuhren, - - dreizehn Jahre meiner besten Kraft gehoren ihr und sie ist, ich darf es sagen, mit meinem Herzblut ge- nahrt, empfangen Sie dieselbe, theurer Meister, als den Tribut des Dankes und der Liebe der Wissenschaft fur die Kunst. Wie konnten wir zugleich besser alle guten Geister zur Vollendung desjenigen Stiickes der Arbeit bannen , das nun ganz speziell dem Aesthetischen und Technischen dieses epochemachenden Schaffens gilt und hoffentlick ebenfalls bald fertig dasteht, des Schlussbandes ,,Beethovens Wer- ke"?

Leben Sie wohl und bewahren Sie mir, dem Kunst- liistoriker, die mich ehrende und stets neu erhebende Freund- schaft eines wahrhaft grossen Ktinstlers.

Heidelberg, den 1. Juli 1876.

Ludwig Nohl.

Inhalts-Verzeichniss.

Seite.

Widmung und Vorwort VII

Einleitung 1

I. Buch: Ergebung 1815—20.

1. Kap. Die Konigin der Nacht 8

2. Kap. Drei freundliche Sterne (Opp. 98, 101, 102). . 48 8. Kap. Die drangvollen Umstande (9. Symphonic) . . 60

4. Kap. Ein Gebet (Op. 106) . . . 116

5. Kap. Praludien zur Missa solennis ....... 149

II. Buch: Erhebung 1820—23.

7. Kap. Die letzten Sonaten (Opp. 109, 110, 111). . . 240

8. Kap. Die Ouverture ,,Zur Weihe des Tempels" . . 282

9. Kap. Praludien zur Neunten Symphonic 333

10. Kap. ,,Freude schoner Gotterfunken" . . . . . 368 III. Buch: Vollendung 1824—27.

11. Kap. Die Akademie vom Mai 1824 443

12. Kap. Das erste der Letzten Quarfette (Op. 127) . 507

13. Kap. Das Amollquartett 552

14. Kap. Das Bdurquartett (Op. 130) 605

15. Kap. Das Cismollquartett 660

16. Kap. Das Schwanenlied in Op. 135 692

17. Kap. Der Tod 736

Schlusskapitel : Bestattung und Andenken 789

Quellen, Zeugnisse und Anmerkungen 806

Berichtigungen zu Band I u. II 968

Namen- und Sachregister 970

Druckfehler zu Band III , 976

Beethovens letzte zwolf Jahre.

Einleitung,

,,Hast du schon von meinen grossen Werken dort ge- hort", schreibt Beethoven am 12. April 1815 an Amenda nach Kurland; gross sage ich -- gegen die Werke des Allerhochsten ist alles klein." Wie sehr stimmt dies zu jenem Aufrufe der innerlichst ergriffenen Seele, als der Meister bei den grossen politischen Abschlussbegebenheiten seiner Tage sich mit einem Male personlich auf die Hohe seiner Zeit gehoben sah und deutlich erkennen musste, dass denn doch dasjenige, was sein Innres bewegte und was ihm allein Entgelt eines muhevollen Daseins war, die Empfin- dnng des Ewigen, als tiefe Ahnung auch in seiner Zeit mid Umgebung walte,-- zu dem Geliibde: zu schaffen ,,zur Ehre des Allmachtigen , des Ewigen Unendlichen" Ibenso sagte er im nachsten Friilijahr 1816 ,,so vor sich : ,,Mir schweben ganz andere Dinge vor!" Diese jetzt mit voller Gewalt hervortretende Hinwen- ing auf das Allumfassende und Dauernde, die sehr bald personlichen Erlebnissen, in dem Tode «ines Bruders id in dem daraus hervorgehenden granzenlosen Wirrsal ies aussereu Daseins noch mehr Nahrung finden sollte,

N o h 1 , Beethovens letzte Jahre. 1

entspricht denn auch nur der mehr und mehr hervor- tretenden Stimmung seiner Zeit iiberhaupt, und er nimmt als echter Kiinstler nur das Gefiihl voraus, welches bald

tiefere Gemiith durchdrang und allmalig zur Grund- lage der Gesammtauffassung des Lebens und Anfang der Wiedergeburt der Nation wurde, das Gefiihl, dass eine Verinnerlichung des ganzen Wesens, eine geschlossene Hin- wendung auf das All und Ewige und eine unmittelbare Wiederberuhrung mit dem Schooss des Daseins nothwendig *ei, nicht bios urn die so vielfach auseinandergezerrten Elemente unseres Lebens von neuem zu vereinigen, sondern urn nur iiberhaupt nach all den schweren Schiagen, die uns seit mehr als zweihundert Jahren getroffen und in der gesammten Entwicklung fuhlbar geschadigt hatten, endlich wieder selbststandig dazustehen.

Tief ergriff nach so langen Leiden und Prufungen, die auch die Erinnerung an den Tjahrigen wie den SOjahrigen Krieg wieder wachrufen mussten, sogar die Massen das Gefiihl davon, dass bei uns sogar viel gesundigt worden und dass die Entfremdung von der eigenen Bahn und Art denn doch die letzte Ursache jener langen Trauerzeit sei, die ies jetzt zu heben gelte. Fichte mit dem grossen freien Blick in den Geist seiner Nation hatte das Ziel des Menschengeschlechts ,,mit Freiheit sich zu dem zu machen, was es eigentlich ursprtinglich ist", als Aufgabe besonders seinem deutschen Volke zuerkannt, das vor allem ,,wahre Religion" hatye. So war es dieser Nation denn auch vor allem gelungen, den Glauben der Vater, das Ideal ihres

•is wiederzufinden und mit dieser neugewonnenen Zu-

sammenfassung der Kraft zunachst des ausseren Feindes Herr zu werden. Aber man empfand auch, dass es die ausserste und gesammte Kraffcanspannung war, dessen man hier bedurft hatte, und dass nur eine ruhig geschlossene Zusammenhaltung sowohl diese Kraft wieder zu erzeugen wie auch zu einer sicheren Macht zu steigern vermoge, damit solehe schmahliche Mederwerfung und Niederhaltung ferner unmoglich sei. Und dies, nicht etwa blosse phy- sische oder moralisehe Erschopfung, nein das Bewusstsein erneuter innerer Erhebung und das Bediirfniss, solehe wiir- digere Art des eigenen Daseins sich fur alle Zukunft zu sichern, war es was die Nation im Suden und Norden unseres Vaterlandes gleicherweise von neuem zum ,,A11- machtigen, Ewigen, Unendlichen" und damit zu einem con- centrirteren Dasein und Wollen fuhrte. Der tiefere Sinn des Volkes begann den fahlen Schein so mancher halben oder falschen Gotterbilder zu erkennen, die auch bei uns Mode geworden waren, und aller Orten regte sich auf das ,,Nun danket alle Gott", das so manchmal vom Schlachtfelde gegen den Sternenhimmel aufgeschlagen war, nun auch von neuem das innere Nahen zu diesem Gotte selbst, der so hehr und heilig geholfen, und das aufrichtige Bedurfniss sich ihm neu und innig zu verbinden.

Und nichts oder doch wenig hatte dies heilige Be- diirfen! und echt religiose Gefuhl der Nation mit dem- jenigen zu thun, was ihm jetzt allerdings fast von alien Seiten mit heilkunstlerischer Aufdringlichkeit als die wahre Arznei angepriesen wurde. Nichts dtirfen wir hier anneh- men von dem Eenegatenthum eines Z. Werner und

1*

Fr. Sc hi eg el im katholischen Siiden, nichts von dem pietistisclien Heiligthun im protestantischen Norden, wie es ebenfalls kaum jemals fratzenhaft widriger sich hervor- gedrangt hat. Dass hier Staat und Kirche gleicherweise emporend mit dem weihevollsten Bedtirfen der Zeit und des Volkes spielten und Tugendbund wie Beichtpredigt nach Kraften forderten, dass selbst scheinbar edle und freie Geister der Wissenschaft und Kunst oder auch der Politik und Religion diesen edelsten und freiesten Geist der Nation nicht erkennen und ihn vielmehr in neue Bahnen innerer Gebundenheit leiten wollten, dies wie aller Missbrauch, der mit solchem tiefen Bedurfen der Zeit getrieben war, nimmt demselben nichts von seiner Keinheit und Weihe, sowie es sein wirkliches Bestehen nicht widerlegt und seine nach- haltige Wirkung nicht hemmen konnte. Und das Yolk ver- stand eine Stimme wie Fichte's sehr wohl, wenn sie ihm die wahre Religion auch in der Form des Christenthums predigte. Denn es'war ein Christenthum, ,,in das das freie Denken des Alterthums eingefuhrt ist" , es lehrte, dass reines Wohlgefallen am Guten in der Wurzel des Menschen sei, nicht aber ,,Sundhaftigkeit", -- und dass aus solcher Auffassung unseres Daseins ,,die Welt des ewig fort aus dem <M'istt> zu entbindenden Seins aufstrahlen solle", alles I>iiure, die mit jener charlatanistischen Quacksalberei in Staat und Kirche nichts gemein hatten!

So erkennen wir denn heute, nach einem halben Jahr-

hundert mannigfachster und schwerster Kampfe und Ent-

wirklmi.^n, dass der Drang nach Selbstsein und Ganzheit

T uns das grosse politische Resultat unserer Tage gebracht

hat, ein gar alter 1st imd in den friihen Eegungen des Be- wusstseins der Nation von ihrem Wesen und von ihrer Aufgabe in der Welt grlindet. Sein Kern wird sich denn auch um .so reiner hervorschalen, jemehr atif anderen, tie- feren Gebieten ebenfalls die Abwerfung beginnt, die uns auf politischem so wohlgethan, und es mag sich erweisen, dass es im letzten Grande jenes wahre Menschheitsbediirf- niss war, was damals von neuem mit Macht in der Nation erwachte, das JBediirfniss des Yolks bei sich und seinem Wesen, bei seinen innersten Anschauungen vom Ganzen und Ewigen zu sein, '• jene hohe Anschauung von Welt und Menschheit, die Fichte zu dem stolzen Gefuhl ftihrte, das deutsche Volk sei kein Volk, das deutsche Volk sei die Menschheit!

Als der eigentliche Gradmesser, ja fast als der nachste reale Beweis solcher allwaltenden Idealstimmung einer Zeit und Nation, deren Kesulsate die Geschichte offc erst spat aufweist, |haben nun eben vor allem die ,,grossen Geister" eines Volks zu gelten, und unter ihnen wieder stehen bei solcher Zeichnung eines noch im Lichtnebel des Wunsches schwebenden Bildes naturgemass die Klinstler voran. Hier aber, wo also alles noch wesentlich Stimmung, Gefuhl, (iberschwangliches Wahnen und seliges Traumen ist, hierwaltet nach allem, was wir auch bishervon ihrem Wesen erkannten, vor alien Klinsten die Musik als Herrscherin. Und keines Kiinstlers mehr als des grossen Beethovens Werke, eben ,,die ganz anderen Dinge, die ihm vorschweb- ten" sind es, was hier der Empfindung der Zeit und der

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Bewegung der Nation dauerndste Denkmale gesetzt und ihr zugleich die Bahn zur Erreichung des Zieles, zu der ,,Freude schonem Gotterfunken" freihalten half.1

Denn dass er in Wirklichkeit jetztj ,,alles was Leben heisst, der erhabenen opfert und ein Heiligthum der Kunst" sein lasst, -- dass er fortan nur ,,zur Ehre des Allmach- tigen, des Ewigen, Unendlichen" zu schaffen strebt, das sagt uns nach einigen vorbereitenden kleineren Werken, be- sonders dem Adagio der Sonate Op. 106, und nachdem ein Kequiem lange beabsicktigt war, zuerst mit vollem Er- guss jeneMissa solennis', an die er durch voile 4 Jahre seine ganze Manneskraffc und sein hochstes kunstlerisches Konnen setzte. Hier lebt der Sinn, der das Individuum gegeniiber dem Allumfassenden erfiillt und der auch |einzig von den Geheimnissen des Ewigen zu reden weiss imd die Schauer seiner Allmacht wieder zu erzeugen wie' die Won-, nen seiner Harmonic dem Gemuthe zu bereiten verniag, jene tiefinnere Ergebung in das Walten des Ewigen, die allein einen friedeverheissenden Antheil an demselben gewdhrt

AVie dann aber solch rtickhaltlose Versenkung in den Jillniihrenden Schooss unseres Daseins erst die /voile Kraft znm Leben, zum Erfassen des Daseins gibt, so bezeichnet uns das bald darauf vollendete grosste Werk seines Genius, dieNeunte Symphonie, die wahre E[r|h«ebung, die Er- hebung zum reinen Menschenthum, die nicht falsche Bilder "u.l Scheinhelden auf die Biihne fuhrt, sondern den ewigen linmd unseres Daseins zeigt und uns dadurch zu uns selbst erhebt

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Die Letzten Quartette, das an Gehalt und Form Besonderste, was die Musik bis dahin geboten, fuhrten uns

tnTi dieses Bild unseres Lebensgrundes und seine Be- 3gungen und Erscheinungen im einzelnen aus und mus- sen uns in der erhabenen Freiheit ihrer Gestaltungen als die V oil en dung jenes idealen Kingens gelten, womit dieser treue Kampfer ftir der Menschheit hochste Gtiter das eigene prometheiscke Dasein beschloss.

So bekundet auch in dieser abschliessenden Periode Beethovens Leben und Schaffen jenen ebenmassigen Khyth- mus der echten Menschen- und Ktinstlernatur und bietet in sicn selbst die Knotenpuncte , um welche das Schwan- kende der Erscheinung seines Lebens und das scheinbar Willkurliche seines Schaffens sich wie von selbst gruppiren. Und wie die Entwicklung dieses Ktinstlers selbst als eine im hohen Grade bedeutsame und geradezu typische er- scheint und der positive Gehalt seines Wesens und Schaf- fens im wahrsten Sinne allgemein geltend ist, so ist solcli tiefere Erfassung von Beethovens Wesen als allein er- folgreich festzuhalten , wenn jetzt zur OBetrachtung des biographischen Verlaufs dieser ,,letzten 12 Jahre" geschrit- ten wird. Denn in dieser Epoche seines Lebens sind un- gleich weniger ausserlich inte'ressante oder gar gewichtige Thatsachen zu verzeichnen als vielmehr ktinstlerische T ha- te n, die fast einzig Ergebniss einer der blossen Tageswelt mehr ab- als zugewandten inneren Existenz und Entfal- tung sind.2

I. Buch: Ergebung,

1815 20.

,,Ktirz 1st der Schmerz, ewig ist die Freude".

Erstes Kapitel. Die ,,K6nigin der Nacht".

Damit wir sogleich wieder zu der entsprechenden Stimmung gegeniiber Beethovens Wesen und Dasein ,ge- langen, sei zunachst eine Aufzeichnung ,,charakteristischer Zuge" mitgetheilt, die der Dicliter des ,,Glorreichen Augen- blicks" Dr. Alois Weissenbach i. J. 1816 in einem Buche ,,Meine Reise zum Congress" mitgetheilt hat.

Er hatte im Sept. 1814 in Wien Fidelio gehort und den festen Entschluss gefasst nicht von dort wegzugehen ohne Beethovens Bekanntschaft gemacht zn haben. Sonder- bar genng fand er zu >Hause dessen Karte mit einer herz- llchen Einladung zum Morgencaffee vor: ,,nnd ich trank den Kaffee mit [ihm\ und seinen Kuss und Handedruck mipting ich!" Die ,,heroische" Cantatenarbeit einte dann Beide zu einer innigeren Beziehung, die sich auch nach Jahren bei Weissenbach mit gleicher enthusiastischer Ver-

ehrung fur seinen ,,Herzensfreund" aussert. Er ,,glaubte in die Natur seines Geweihten geschaut zu haben" und schreibt noch 1819 von seinem Salzburg aus: ,,Tausendmal hab' ich Mer schon an Sie und an Ihr verkanntes, von der grossen Welt erdrucktes Herz gedacht." 1st nun seine Dar- stellung auch zuweilen im Ausdruck etwas uberschwang- lich und gespreizt, so liegt doch eln tiefes Gefuhl von Beet- hovens eigentlicher Natur zu Grunde, und es ist nur in der Ordnung, diesem Beobachter Mer zuerst das Wort zu geben.

.,Beethovens Korper hat eine Kustigkeit und Derbheit, wie sie sonst nicht der Segen ausgezeichneter Geister sind, aus seinem Antlitz schaut Er heraus", beginnt es ganz nach dem Eindruck, den auch das Bild von Letronne macht. Habe Gall die Provinzeh des Geistes auf dem Schadelbogen richtig aufgenommen, so sei das musikalische Genie an Beethovens Kopf mit Handen zu ; greifen. Die Eiistigkeit sei jedoch nur seinem Fleisch 'und Knochen eingegossen; sein Nervensystem sei im hochsten Grade reizbar und sogar :ankelnd: ,,wie [wehe hat es miri oft gethan in diesem >rganismus der Harmonie die Saiten des Geistes so leicht >springen und verstimmbar zu sehen." Er habe einmal einen furchtbaren Typhus bestanden und von da datire sich der Yerfall seines Nervensystems und wahrscheinlich auch der ihm so peinliche des Gehors: ,,oft hab' ich darliber mit ihm gesprochen, es ist mehr ein Ungliick flir ihn als ir die Welt." Die Natur habe ihn ohnehin nur durch brte und sparsame Faden mit der W^elt in Beriihrung ge- stzt, der Mangel des Gehors isolire ihn nocla mehr, wo

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durch er dann auch noch mehr auf sich selbst zuriick- gewiesen imd in die Nothwendigkeit gedrangt werde, den t>\vig heitern Genius der Kunst von dem kypochondrischen Himde anbellen zu lassen.

Die weitere Schildenmg betrifft Beethovens besonderen Charakter, der ganz der Herrlichkeit seines Talents ent- spreche: ,,nie ist mir in meinem Leben ein kindlicheres Gemiith in Gesellschaffc von so kraftigem und trotzigem Willen begegnet. Inniglich hangt es an allem Guten und Schonen durch einen angebornen Trieb, der weit alle Bil- dung iiberspringt. In dieser Hinsicbt haben mich oft Aeusserungen dieses Gemtlths wahrhaft entziickt. Mchts in der Welt, keine irdische Hoheit, nicht Eeichthum, Rang und Stand bestechen es; ich konnte hier von Beispielen reden, deren Zeuge ich gewesen bin. Diese hohe Reizbar- keit des Gemiiths und der machtige Trieb des Kunstgenius in ihm machen sein Gltick und sein Ungliick aus." Sosehr ihn also sein Humor vor der Welt warne und davon weg- treibe, so gebe ihn doch in vielen Fallen die Unschuld des Gemtiths vielen Streichen preis: ,,er hat mit seinem Loose durch bittre Erfahrungen hindurch miissen, aber so sehr ist seine Natur abgewendet von allem Getriebe der Welt, unerfahren darin und aller Sorge ledig, dass er in alle Tfu-ke derselben wie ein Kind argios und unbefangen hineinlachelt."

Mittheilenswerth ist dann noch das Folgende, das in einer Weise, wie sie nur die musikalische Natur dieses isterreichischen Poeten erklart, auch seinerseits ,,weit alle Kildimg iiberspringt". Er -schreibt: ,,Dieses Gemiith lhat

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edoch nicht weniger Tiefe als Kindlichkeit. Seine An- sichten von dem Wesen, den Formen, den Gesetzen der Musik, ihren Beziehungen zu der Dichtkunst, zum Her- zen u. s. w, haben nicht weniger das Geprage der Originali- tat als sein Tonsatz. Sie sind bei ihm im wahrsten Sinne eingeborne Ideen [!]. nicht einstudirte Aphorismen. Ich weiss, dass Goethe, dessen personliche Bekanntschaft er in Karlsbad [Teplitz] machte, ihn auch von dieser Seite schatzen gelernt hat." Seit Bettina's Aeusserungen oben II. 319 haben wir solche Ahmmgen von Beethovens wirk- lichem Wesen hier nicht vernommen.

Sehen wir jetzt zu, wie sich dieser Geist in seinem eigenen Thun und Lassen vor uns enthiillt, und beginnen als mit dem zuerst und dringlichst Abzuthuenden mit der Darstellung seines ausseren Daseins, um dann die kiinstle- rische und allgemein menschliche Entwicklung ebenfalls nach ihrem thatsachlichen Yerlauf folgen zu lassen.3

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,,Wenn du mir schreibst, brauchst du keiner weiteren eberschrift als meines Nam ens", so spricht die Nach- hrift jenes Briefes an Amenda selbst das Bewusstsein der ruhmtheit aus, zu welcher ihn als letzter Hebel die musikalische Begebenheit am Congress erhoben hatte. Wie stellt sich zu diesem Gefuhle der stets allgemeiner werden- den Anerkennung zunachst seine materielle Lage damals?

Man habe nur fur den Schuster, Schneider und Metzger zu arbeiten, aussert er selbst in einem der nachsten Jahre gegen Fraulein Giannatasio del Kio. und ,,Beethoven klagfc "fiber schlechte Zeiten auch in pecuniarer Hinsicht," steht

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it den Notizen, die sich am 1. Juni 1816 Amendas junger Freund Dr. Bursy aus Kurland in Wien gemacht hat. ..Kr erzahlte mir viel von Wien und seinem Leben hier. (lift und Galle wuthet in ilim, allem trotzt er, mit allem ist [er unzufrieden und fluent besonders tiber Oesterreich und namentlich liber Wien ," heisst es dann , und ,,die Kunst steht nicht mehr so hoch uber das (!) Gemeine, ist nicht mehr so geachtet und besonders nicht mehr so geschatzt in Bezug auf Belohnung;" ,,es geht hier lumpig und schmutzig zu, es kann nicht arger sein, Memandem kann man trauen; was man nicht schwarz auf weiss hat, das thut und halt kein Mensch; sie wollen, man soil arbei- ten und bezahlen wie die Lumpe, nicht einmal das Ver- abredete," lauten seine drastischen Ausbrucfce, bei denen er oft mit der Faust so heffcig auf sein Clavier schlug, dass es laut im Zimmer widerhallte.

Der junge Kurlander aber schliesst daraus: ,,Fur's Geld scheint Beethoven sehr importirt," und leider machten die Verhaltnisse fortan, dass diesen Eindruck mancher Aussenstehende von dem Manne empfing, den ein wirklich Nahestehender, unser Dr. Alois Weissenbach, auch nach dieser Seite hin richtig so beurtheilt: ',,Ich brauche wohl nicht zu bemerken, dass das Geld keinen andern Werth fur ihn hat als den der Nothwendigkeit. Nie weiss er, wie- viel er bedarf und wieviel er hingibt. Er konnte reich sein oder reich werden, umgab' ihn nur ein Aug' und ein Herz, das liebend auf ihn sahe und redlich mit ihm theilte." Sogar in neueren Darstellungen hat sich jene entgegen- gesetzte Auifassung wiederholt geltend gemacht, sodass wir

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genothigt sind , diese Dinge « hier den Thatsachen gemass scharf ins Auge zu fassen.4

Allerdings belief sich nach dem Erbschaffcsinventar der jetzt endlich festgestellte Jahresgehalt der drei grossmtithigen Fiirsten auf 1360 Fl. Conv.-Mtinze, was den von Beethoven selbst mehrfach angegebenen 3400 Fl. Wiener Wahrung entspricht. Allein wenn vielleicht in der That im allge- meinen damit zu jener Zeit ein einzelner-Mann ,,ganz an- standig auszukommen" vermochte, so vergisst man einer- seits, dass Beethovens korperliche Yerfassung und die durch das Gehorleiden erhohte physische Unbehtilflichkeit allein schon bedeutende Mehrausgaben machten, andererseits dass neben ihm in Wien ein ,,armer, ungliicklicher Bruder" und bald darauf bei ihm das fur seine spatere Lebenszeit noch viel kostspieligere Wesen des ,,Sohnes" existirten, die beide und zumal der letztere mit niemals ruhendem Bedtirfen ,,an seiner Sphare sogen."

,,LTnter den Individuen (welche Anzahl ins Unendliche geht), die leiden, ist auch mein Bruder, der sich seiner schlechten Gesundheit wegen pensioniren musste lassen, - er braucht viel, muss sich Pferd und Wagen halten, um leben zu konnen, (denn sein Leben ist ihm sehr^lieb) so wie ich das meinige gern verlohre," schreibt er im Spat- herbst 1815 an seine Freundin Antonie Brentano geb. Birkenstock in Frankfurt, die ihm selbst nicht lange zuvor durch ihren Arzt von seinenjVerhaltnissen unterrichtet, in Wechseln 300 Fl. C.-M. also ganze 200 Thaler dargeliehen hatte. Er selbst habe gethan, was er konne, aber es klecke nicht. Darum bitte er im Namen seines Bruders, dessen

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Stimmung man aus seiner Krankheit entschuldigen moger jetzt urn den Verkauf eines Pfeifenkopfs far 10 Louisdor in ihrem Hause, wo so viel Menschen verkehrten, und hofft ,,bei ihrer Grossmuth gegen ihn" Erfiillung dieser Bitte. Und wie viel war es, was Mer ,,nicht gekleckt" hatte?

,,Ich kann sagen, er hatte einige Jahre die Lungensucht, und um ihm das Leben leichter zu machen, kann ich wohl das, was ich ihm gegeben, auf 10000 PI. W. W. anschla- gen", schreibt er selbst am 22. Nov. 1815, also 7 Tage nach des Unglucklichen Tode an Ferd. Eies in London. Und zwar hatte hier, wie wir aus dem Briefe anl die' Grafin Erdody vom 29. (!) Februar 1815 erfahren, ein moralischer Zwang geherrscht, weil der Bruder in der doppelten Be- drangniss seiner Krankheit und eines ,,schlechten .Weibes" sogar direct an Beethovens intimere Freunde sich wandte und ihn selbst dadurch in Verlegenheit setzte. Heisst es mm auch weiter gegen Kies: ,,Mich freut es nunmehr mir selbst sagen zu konnen, dass ich mir in Kucksicht sei- ner Erhaltung nichts zu Schulden kommen liess," so muss er doch in einem Briefe an die Grafin (19. Juni 1817) selbst diese ausserordentlichen Ausgaben als den Grund an- geben, wesshalb das in der Congresszeit erworbene Kapital ,,so klein sei."

Wie gross inun dieses letztere, sein einziger sichrer Kiickhalt in spateren Jahren, iiberhaupt gewesen, dartiber sind nur Vefmuthungen moglich. Doch mag es ursprting- lich etwa 3—4000 Fl. C.-M. betragen haben, wenn wir im gerichtlichen Inventar von 1827 sieben Bankactien von je 1063 Fl. nach damaligem Curs verzeichnet finden und von

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Breuning vernehmen, ,,der Curs habe das kleine Capital der Congresszeit auf das Doppelte steigen gemacht." Und zwar sind diese Actien vom 13. Juli 1819 datirt. Es ist aber anzunehmen, dass schon von dem Moment an, wo Beet- hoven den Neffen wirklich als seinen Sohn betrachtete, ihm Luch dieses Capital als dessen unantastbares Eigenthum jalt, von dem eben nur leihweise genommen und welches

its in gleicher Hohe erhalten wurde. Dass ausser der Wertherhohung durch den Curs in diesen spateren Jahren loch etwas hinzugekommen, ist bei der stets zunehmenden

idrangniss Beethovens nicht anzunehmen.5

Die Zinsen eines Capitals von so geringer Hohe konn- also nicht viel helfen. Ebenso miissen die Einnahmen aus der eigenen Arbeit damals immer noch nicht gross ge- wesen sein, mindestens nicht dem Aufwand an Zeit und Kraft entsprechend. Auch waren dieselben wegen ihrer Unregelmassigkeit zur Wirthschaftsfuhrung wenig geeignet, selbst wenn eine solche hatte geregelter sein konnen als bei Beethovens Naturell, Erziehung und Lebensweise denk- bar war. Der Wiener Yerleger Eiedel klagte 1816 gegen Bursy, dass ,,Beethoven ungeheuer theuer mit seinen Arbei- ten sei." Fur den Yerleger waren seine Honorare wegen des Nachstichs vielleicht hoch, fur ihn aber nicht. Dafur trat jetzt allmalig in ausgedehnterem Masse als bisher Eng- land mit dem Ankauf von Werken ein, und nach der Correspondenz dartiber floss manch hubsche Summe von dort nach Wien. Allein wie es auch sein mag, - - und wir werden naturlich nie im Stande sein, die wirkliche Ein- nahme Beethovens festzustellen oder auch nur einen sichern

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Ma>sstab fur die Vermuthung ihres Umfangs zu finden - man wird sich im ganzen und grossen dennoch an Beet- kovens Klagen als dem einzig Zutreffenden halten mtissen, urn seine Lage riehtig zu beurtheilen, und dies um so mehr, als uns ja heute* aus den verschiedensten Quellen die glei- chen Aeusserungen seiner Bedrangniss und seines Unmuthes vorliegen und wir zugleich wenigstens annahernd sein ausseres Dasein und seine Bediirfnisse zu fibersehen im Stande sind.

,,Das schlechte Papiergeld unsers Staates ward schori einmal airf den 5. Theil seines Werthes herabgesetzt, ich wurde da nach der Scala behandelt" schreibt er am 1. Juni 1815 an seinen Landsmann Salomon in London. ,,Nach vielem Kingen "erhielt ich, jedoch mit namhaftem Yerlust, die voile Wahrung, allein wir sind in dem Augenblick, wo die Papiere schon jetzt wieder weit tiber den 5. Theil gestiegen sind, und mir steht bevor, dass mein Gehalt zum zweitenmal zu nichte werde, ohne einigen Ersatz hoffen zu konnen." Dieselbe Klage ertont mit Sarkasmus im Herbst desselben Jahres gegen Frau Brentano: ,,Die Scheme ftih- ren wirklich mit Recht ihren Namen", und am 22. Novem- ber ausfuhrlich gegen Eies: ,,Ich habe 600 Florin an mei- nem Gehalte jahrlich eingeblisst .... Nun sind wir auf dem Puncte, dass die Einlosungsscheine schlechter als je- mals die Bankzettel waren, ich bezahle 1000 Fl. Hauszins; machen Sie sich einen Begriff von dem Elend, welches das Papiergeld hervorbringt." Am 8. Marz des folgenden •Jalires aber noch genauer: ,,Mein Gehalt betragt 3400 Florin in Papier; 1100 Hauszins bezahle ich, mein Bedienter mit

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seiner Fran 900 Fl., recknen Sie, was also noch bleibt. Dabei kabe ick meinen kleinen Neffen ganz zu versorgen; bis jetzt ist er im Institute, dies kostet bis 1100 Fl. viel man verdienen muss, um kier nur leben zu kon- n! und dock nimmts nie ein Ende, denn denn n Sie wissen es sckon." Sckon im Januar 1815 aber

atte es gegen Kanka gekeissen: ,,Hier ist es so weit ge- kommen, dass alles aufs kockste gestiegen ist und bezaklt werden muss." Und in dem Hungerjakr 1816/17 muss er einer Einladung der Grafin Erdody entgegnen, es kandle sick nur um die grosst-moglickste sparsame Weise, um zu ikr zu kommen: ,,alles okne Untersckied ist jetzt in der Lage kierauf zu denken, daker sei meine Freundin Member riickt betroffen."

Was wissen wir nun Nakeres von seinem ausseren Le- ben und Sein?

Yom Jakre 1810 erzaklt Bettina: ,,Seine Woknung ist ganz merkwfirdig, im ersten Zimmer zwei bis drei Flu- gel, alle okne Beine auf der Erde liegend, Koffer, worin seine Sacken, ein Stukl mit drei Beinen, im zweiten Zim- mer sein Bett, welckes winters und sommers aus einem Stroksack und dtinner Decke bestekt, ein Wasckbecken auf einem Tannentisck, die Nacktkleider liegen auf dem Boden.

- Er ist durck seine Zerstreuung ordentlick zum Gespott geworden, man benutzt dies auck so, dass er selten soviel Geld kat, um nur das Notkdiirftige anzusckaffen. Freunde und Brtider zekren ikn auf, seine Kleider sind zerrissen, sein Anseken ganz zerlumpt." In der gleicken ,,Sternwarte" beim Baron Pasqualati auf der Molkerbastei fanden Hum-

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No hi, Beethovens letzte Jahre.

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me Is, die im Friihling 1816 Wien verliessen, wahrend der Congresszeit blauseidene Damastmobel, die wohl der Haus- eigenthiimer wegen der vornehmen Besuche hingestellt battle, denen Beethoven jetzt oft ausgesetzt war. Doch zeigten sich'bald Spuren beschmutzter Stiefel auf dem ungewohn- ten Stoffe, lind in der Wohnung, wo der Dr. Bursy den Meister aufsuchte, Seilerstatt Nr. 1056, fand sicb nicbts dergleicben. 6

,,Ich batte durcbaus die Idee, Beethoven musste in einem der furstlichen Schlosser hausen und im Schutze eines Macenaten seiner hohen Kunst leben. Wie sebr befremdete es mich, als mich ein anwobnender Haringskramer in das Haus neben sicb wies. Parterre fragte icb nacb und borte, Beethoven wobne im 3. Stock, 3 Treppen bocb. Also ganz wider mein Erwarten! Ein elendes Haus und nun noch drei Treppen boch! Enge fuhren die steinernen Stiegen binan. Eine kleine Tbiire fuhrte micb in ein kleines Yor- haus, das eins war mit der anstossenden Kticbe und Kinder- stube. Da empfing micb der Bediente, der mit seiner Familie zu Beetbovens Hausgeratbe zu geboren scbeint." Dann trat Dr. Bursy, der dies erzablt, binter einer dicbten wollenen Tbiirgardine in das Arbeitszimmer, aus dem Neben- zimmer kam ibm Beethoven entgegen: ,,Seine Wobnung ist frenndlicb, sieht nacb der grtinen Bastei und ist ziem- lich ordentlich und sauber eingericbtet. Das Vorzimmer hat auf einer Seite sein Schlafcabinet, auf der andern sein Musikcabinet, worin ein verschlossener Fliigel steht." Beet- hoven selbst sei nicht wie Jean Paul,, den Bursy kurz zuvor besucbt hatte, in Lumpen gehtillt gewesen, sondern

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ganz in Gala: ,,Das bestatigt mir, was ich schon. von ihm gehort, dass er eitel sei."

Uebergehen wir die kleinliche Folgerung, die der klein-

iche Sinn des Erzahlers auch hier wieder zieht, so wird ins zngleich ScMndlers Mittheilimg liber den ,,schneidern-

jn Bedienten" zuriickgerufen. Allein wie bald selbst

)lcli geringe bessere Ordnung der Dinge wieder aufhorte, zeigt Fraulein del Rio's Anekdote: ,,Einst kam er; als er

$n Ueberrock auszog, bemerkten wir ein Loch am EJ1- bogen, er musste sicli dessen erinnert haben und wollte ihn wieder anziehen, sagte aber lachend, indem er ilin vollends auszog: jetzt haben Sie's schon gesehen." Im Herbst 1823 fanden C. M. von Weber und J. Benedict gar wieder ,,die cykloplisch viereckige Gestalt in einen schabigen, an den Aermeln zerrissenen Hausrock gekleidet." Im tibrigen er- fahren wir also durch Bi^rsy, dass die Wohnung, fur die er 1100 Fl. Zins zahlte, denn auch gegen Kanka heisst es am 2. Mai 1816: ,,Mein Hauszins macht 550 Fl. und wird eben hiervon bezahlt", namlich von den 600 Fl. W. W., die Beethoven halbjahrlich von Kinsky erhielt, aus Ktiche, Kammer und 3 Zimmern bestand, ein bescheidenes Logis fur solchen Preis damals!

Nun kam aber spater theils aus Rucksicht auf die eigene Gesundheit, die den Gasthaustisch auf die Dauer nicht vertrug, hauptsachlich jedoch aus Anlass der Aufnahme des Neffen die Einrichtung einer eigenen Wirthschaft, und was dies zum Theil auch durch die Unehrlichkeiten der Dienst- feoten an pecuniarem Aufwand mit sich brachte, davon

wir noch zur Gentige horen. ,,Der Teufel hat

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meine 2-, Sma&ge Einrichtung schon immer geholt", klagt er 1817 gegen seine Freundin Stretcher. Wie erstaunlich einfach aber diese ,,ganze Einrichtung" wenigstens im Todes- jahre 1826/27 war, sieht man aus dem gerichtlichen Sterbe- Inventar, das die gesammte ,,Leibskleidung und Wasche" auf 37 FL, die Hauswasche und Zimmereinrichtung aber auf ganze 156 Fl. C.-M. schatzt. Das 1. Zimmer enthielt danach 4 harte Tische, 8 Lederstiihle, 3 harte Schublad- kasten etc., das zweite 2 alte Tische, 2 Stiihle, 1 harten Schreibkasten, das 3. einen ledernen Schlafsessel, ein altes Sofa, einen Reisekoffer, und dem entsprechend die Kuche ganze 14 Porzellanteller, einiges Steingut, einen Braten- wender und die ordinare Kticheneinrichtung! Auch waren ganze 2 Tischtucher und 10 Servietten da. Im Luxus er- stickte der Mann nicht. Er Avar stets gleichgtiltiger gegen sein iiusseres Dasein geworden.7

Was endlich die Lebensweise und die personlichen Be- diirfnisse betrifft, so waren sie nach wie vor gieich einfach. ,,Ich fand Beethoven beim Schreibtisch an einem Noten- blatt und vor einem glasernen Kolben, in dem er sich sei- nen Kaffee kochte" erzahlt Dr. Bursy von seinem Abschieds- besuch am 27. Juli frtih morgens um 7 Uhr, woraus sich zugleich die Tagebuchnotiz vom Frtihjahr 1815 ,,immer von halb 6 bis zum Friihstuck studirt" naher bestimmt und Schindlers Wort bestatigt, dass Beethoven in jeder Jahres- zeit mit Tagesanbruch aufzustehen und sogleich an den Schreibtisch zu gehen pflegte. Dieser verrath uns auch die Zahl der Bohnen, die auf eine Tasse gerechnet und oft personlich abgezahlt wurden, besonders wenn Gaste da

waren, namlich 60, wobei den verehrten Hausfrauen die Entscheidung zufallt, ob nicht vielleicht wenigstens hier Verschwendung gewaltet. ,,So arbeitete er bis 2, 3 U4ir, ie Stunde seines Mittagstisch.es," erzahlt Schindler weiter, n der Zwischenzeit lief er meist ein- oder zweimal ins ie, wo er aber ebenfalls spazieren arbeitete. Solche usfluge tiberschritten selten die Dauer einer vollen Stunde, sie blieben sich auch in jeder Jahreszeit gleich tmd weder Kalte noch Warme wurden beachtet."

Wenn also schon Mozart von der ruhigen Vormittags- arbeit auf dem Zimmer sagt: ,,Sie wissen, dass ich mich gemeiniglich hungrig schreibe", so kann man sich vorstellen, wie Beethoven nach so anhaltender geistigen und physi- scher Anstrengung meist ,,ausgehungert" in den Schwan oder die Birne kommen musste und ebenso, dass er dann, wie wir bereits von Simrock aus dem Sommer 1816 vernahmen, vor allem des Weins bedurfte, um^sich zunachst geistig zu recreiren, ja oft um nur Lust zum Essen zu bekommen. Erzahlt doch ebenfalls Simrock, dass manchmal erst die drittgewahlte Suppe mundete, was bei Beethovens Aeusserung gegen Fraulein del Kio ,,dass alles, was in Mcksieht von korperlicher Nahrung zu viel ge- schehe, als ein Diebstahl anzusehen sei" jedenfalls nicht gut auf Feinschmeckerei gedeutet werden kann. Doch ist nicht zu vergessen, dass seine gestorte Ernahrung strengere Auswahl der Speisen nothwendig machte. Als beliebte Gerichte nennt Schindler Macaroni mit Parmesan und Fischspeisen, besonders Schill mit Kartoifeln, und anderes ergibt sich bis zum Ueberdruss aus den Conversationsheften.

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Dazu Ofener Gebirgswein, auch wohl mit Kticksicht auf dessen diatetische Yortheile. Und wenn ein Freund mit- speiste, geschah noch ein kraffcigerer Nachtrunk. Leider mundeten ihm dabei nach ScMndlers Behauptung die ge- falschten Weine am besten, was viel Unkeil in seiner Ge- sundheit angerichtet habe. ,,Wenn dieser Wein 3 Fl. kostet, was soil dann eine Senate von B. kosten? Antw. Eine Million," steht in einem der auf der Berliner Bibliothek befindlichen Conversationsbucher, die uns tiberhaupt solchen Mittagsverkehr deutlich vergegenwartigen. Freund Ber- nard und Kanne wurden oft dazu geladen oder auch der eine oder andere Musiker, wie der Kegimentscapell- meister Fr. Starke, damit das ,,Alltagsleben" nicht uber- hand nehme. Und wenn dann die Geister wieder zum Dasein gesammelt waren, wiirzte Ernst und Scherz die Unterhaltung. So schreibt Bernard einmal vzum Compo- niren" auf:

,,Sagt was 1st der, Hand so bleich? Und wie singen Frosch' und Unken Ach so klaglich in dem Teich? Wasser haben sie getrunken. Aber seht die Sonne an! Konnt ihr diese Leere fiihlen? Sie trinkt Wein auf ihrer Bahn, Steigt ins Meer um sich zu kiihlen. Sonn' und Mond und Frosch' und Unken, Fort mit Wasser, Wein getrunken."

Ob dieser Sclierz componirt, wissen wir nicht. Aber wohl sagt Schindler von unserem Meister: ,,Sein Lieblingsgetrank war frisches Brunnenwasser, das er zur Sommerzeit fast

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unmassig zu sich nahm," und in den Conversationen tadelt Bruder Johann oft deshalb.

,,Die Nachmittage waren zu regelmassigen Spazier- igen bestimmt, zu spaterer Stunde pflegte man ein be- rczugtes Bierhaus aufzusuchen, um die Tagesliteratur zur [and zu nehmen, wenn dieses Bedurfniss nicht bereits in einem Kaffeehause befriedigt worden war. - - Die Winter- abende verbrachte Beethoven stets zu Hause, sie waren der ernsten Lecture gewidmet. Nur selten sah man ihn abends mit Notenschrift beschaftigt, weil dies zu angreifend fur seine Augen war." Und dass dann nicht oder nur in aussersten Fallen, wie bei der Missa solennis, ,,componirt" d. h. ktinstlerisch geschaffen wurde, ist gewiss. Die Neige des Tages war der Sammlung der Geister und Aufnahme ,,neuer Ideen durchs Lesen" gewidmet, und ,,langstens um 10 Uhr begab er sich zur Kuhe", um mit Tagesgrauen von neuem ans ,,Studiren" und Schaffen zu gehen.8

Man sieht, in diesem Leben herrschte nur ein Gesetz, das der Arbeit oder vielmehr des Wirkens an seinem Werke. Denn wenn er gegen Fraulein del Kio ausserte: auf sein Leben halte er nichts, nur wegen seines Neffen, 'so ist dies bios von dem rein physischen Hang zum Dasein zu verstehen und hat mit jenem inneren Leben und Weben nichts zu thun, das sein eigentliches Dasein ausmachte und das er sosehr gewissermassen mit einem ewigen Sein und dem unveranderlichen Lauf der Dinge verbunden fuhlte, dass ihm der Gedanke an personliches Sein oder Nichtsein im Grunde gar nicht kommen konnte. Und dieses Bewusst- sein, das ihn in den Momenten seines kimstlerischen Schaf-

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fens erfullte, keinem wechselnden Dasein anzugehoren oder doch nicht ihm unterthanig zu sein, hob ihm in letzter Instanz die hier gesehene vielfache Beschrankung und Un- bill auf und liess inn schon in diesem ,,Alltagsleben" das Schillersche ,,Kurz ist der Schmerz, ewig die Freude", das er 1813 ,,Fiir Herrn Naue zum Andenken" und eben jetztr am 3. Marz 1815 wieder L. Spohr als Canon ins Stamm- buch geschrieben, als wahr und wirklich empfinden, sodass er in Wahrheit der Sanger eines ewigen Lebens selbst im beschranktesten Erdendasein werden konnte.

Ungleich mehr aber als all solclie gemeine Bedrang- niss bedeutet fur ihn und fur uns jenes ungliickliche Ver- haltniss zu seinen Verwandten. Erst Mer wird auch in ihm aufs tiefste der Mensch angertihrt und in voile Mitleiden- schaft und Thatigkeit versetzt. Es fundirt sich dadurch in ihm selbst eine neue Existenz, es ist die schwerste Probe der Echtheit seiner menschlichen Natur. Allein es begrtin- det sich daraus auch jener tiefere Bestand seines Wesens, der ihn eben unter die Grossen und Ttichtigen unseres Geschlechts gesetzt hat. Wir haben deshalb jetzt zunachst dieses Verhaltniss nach dem ganzen Umfang seines Ent- stehens und seiner Natur zu verfolgen.

,,Erliabener Geist, du gabst mir, Gabst mir alles, warum ich bat,"

wenn je in den Momenten des eigentlichen Daseins, also bei einem Ktinstler in jener Schaffenswonne, wo ihm das Ewige ,,sein Angesicht im Feuer zugewendet", ein Mann

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dieses Gefiikl des Antheils an dem hochsten Besitz beseli- gend empfunden, so war es dieser Beethoven. Aber selten auch war ein Ktinstler so bereclitigt zu der mensclilichsten er Vorwurfsfragen, warum das Geschick ihm einen Ge.- hrten gegeben, der ihn stets wieder in die ganze Endlich- keit des Daseins zurtickziehe und fast ,,zu nichts die Gaben wandle". Obendrein war dieser Gefahrte Mer niclit die unablegbare Kelirseite der eigenen Natur, die als Correc- tiv unseres Erdengotterthums nun einmal nothwendig scheint. Sondern durch den Zufall der Geburt war mit dem eigentlichen Wesen und Wollen Beethovens diese ganze Welt der Trivialitat und innern Geringfugigkeit in Verbin- dung und zwar in eine unauflosliche gesetzt. Selten hat eine blosse Blutsverwandtschaft und ihr Anhang einen Menschen von Bedeutung und hohem Streben so sehr stets in das kleinlichste Treiben und Bediirfen hinabgezogen und leider obendrein durch entfachte eigene Leidenschaft oft ,,vor sich selbst erniedrigt". Und wenn er auch theils durch einen unerschopflichen Schatz von Herzensgute, theils durch grimmig lachelnde Ignorirung stets wieder dariiber Herr zu werden oder doch das Gleichgewicht herzustellen wusste, so ist doch nicht zu leugnen, dass die aus diesem Verhaltniss stets hervorgehenden Erregungen und Kampfe in der spatern Lebensperiode formlich aufreibend auf ihn gewirkt haben und wesentliche Mitursache gewesen sind, dass dieser riesenkraftige Organismus bereits in den besten Mannesjahren in seiner Thatigkeit versagte und versiechte. Denn als er endlich -- nach dem Selbstmordversuche des Neffen die ganze bleierne Schwere dieses Verhaltnisses

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iiberwand und mit einem kraftigen Stoss sich des kahlen Egoismus seiner Yerwandten entledigte, da war es zu spat, die Spitze des Dolchs war in sein Leben gedrungen, und das letzte Krankenlager enthtillt vollig jenen griind- lichsten Menschenverachter , zu dem er aus wahrer Men- schenliebe werden musste. ,,Entheiligung dessen, was es liebt und ehrt, durch Gesinnung Wort und Werk kann es zu Zorn Wehre und auch Thranen bringen", sagt wieder wenn auch etwas uberschwanglich doch wahr genug Dr. Weissenbach von ,,diesem Gemiithe". ,,Darum 1st es mit der gemeinen Welt auf ewig zerfallen. Fur das moralische Recht ist es so heiss ergluht, dass es sich dem nicht freund- lich mehr zuzuwenden vermag, an dem es eine bose Be- fleckung erschauen hat miissen."

Nun die ,,gemeine Welt" und die ,,bose Befleckung", die ihm so viel zu thun machte und der er sich doch immer wieder ,,zuzuwenden" genothigt war, sind eben mehr als alles andere diese Brtider, diese Verwandten, deren Geschichte freilich nicht viel von einer Chronique scandaleuse abweicht, die aber unentwirrbar in das Gewebe von Beethovens Leben hineingewirkt sind und schliesslich un- willentlich und unwissentlich sosehr geholfen haben, den ganzen Menschen in ihm hervorzutreiben , dass wir eben genothigt sind, sowie alles, was ihn zu diesem ,,Grossen" gemacht/ auch dieses private Verhaltniss trotz seiner eigenen Scheu vor 'Beriihrung dieser Dinge thatsachlich genau vorzutragen und so die Welt selbst auch tiber diese menschlichen Vorgange zum Eichter zu machen. Liegt doch indem,,Verhaftsbefehl. Untersuchung gegen Lud-

wig und Maria von (!) Beethoven in Wien, wegen Betrugs. Im Namen Sr. Maj. des Konigs von Bayern," der vom 1. Mai 1872 datirt in den Blatteru stand, ein Facit 'dieses Zusammenlianges vor, wie es nicht erschreckender aber auch nicht sichrer iiberzeugend und selbst blodem Zweifel die Augen offnend gezogen werden konnte! Und dies ist es, was dem Biographen heute nicht bios die Sache erleichtert, sondern inn dazu nothigt ein Verhaltniss auf- zudecken, das, wenn es tiberhaupt gekannt war, bisher be- schrankte Sinnesart und falsches Schicklichkeitsgefuhl mit dem Mantel der christlichen Liebe bedecken oder0 doch mit tibelangebrachter Yerschamtheit verhtillen zu sollen wahnte, das aber jetzt durch seine Consequenzen seinen. eigenen Grand enthullt hat. Dieser wegen mehrfachen Betrugs in Mtinchen criminaliter verfolgte Ludwig von Beethoven oder wie er selbst am liebsten sich schrieb ,,Louis de Beethoven" ist niemand anderes als der einzige Sohn jenes so unend- lich geliebten und treu gehegten Neffen, der letzte Erbe des grossen Namens in Deutschland, den so garstig befleckt nun auch noch seltsame Fiigung gerade mit dem Fursten in Verbindung bringen musste, der der Kunst Beethovens und seiner Nachfolger der treueste und nachdriicklichste Pfleger geworden, Konig LudwigIL von Bayern.

Ebenso werden wir nirgend abschwachen noch schon- farben, obwohl hier nicht entfernt ,,selbst im Widerwar- tigen grosse ttichtige Ziige" oder gar ,,Yerbrechen blutig colossal" sind. Nein ganz wie Beethoven selbst, um die richtige Bezeichnung der Sache zu wiederholen, sich nicht bios durch die gemeine Noth, sondern eben. durch die

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Noth des G erne in en hindurchzuwinden liatte, haben auch wir uns dem wirklichen Verhalt der Saclie, so modern kleinlich widrig sie sein mag, einfach zu bequemen. Denn nur solch riickhaltlose Darstellung vermag uns hier in den Zusammenhang einzufiihren und die Verbindungsfaden zwischen dem wirklichen Leben und dem Beethoven auf- zudecken, dessen Musik uns bei ihrem ersten Erklingen allerdings sofort ,,den Gottern nah' und naher bringt". Hochstens werden wir an diese hohere Sphare noch dann und wann durch den Charakter der Komik erinnert werden, der solcher menschlichen Beschranktheit naturgemass inne- wohnt und den Beethoven selbst in einzelnen Momenten des Aufeinanderplatzens der Gegensatze auch nach seiner Weise zum Humor erhebt. Ebenso blitzt manchmal in solchen mit der vollen Drastik eines Shakspeare'schen Lustspiels vor sich gehenden Scenen des wirklichen Lebens neben dem tiefen Gemtith und der energischen Willens- bestimmung des grossen Mannes auch sein Witz und Geist in voller Blendung hervor. Allein im ganzen hat man hier leider die ganze Seichtigkeit des Lebens durchzuwaten. Und wie dem allem sei, wir haben bei diesen Darlegungen, die erst mit dem allerletzten Scenenwechsel von Beet- hovens Leben ihr Ende finden, stets nur den ernsten letzten Zweck der Darstellung eiues grossen und wahren Menschenlebens festzuhalten, um so gleich Dante an der Hand eines wahrhaft guten Genius durch den Sumpf all dieser Verhaltnisse hindurchzukommen und mit befreitem Lebensblick am rechten Ziele anzugelangen. 9

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Also die beiden Bruder Karl, wie er sieli in Wien aus Kaspar umgetauft, und Johann, die Beethoven schon daheim ein gutes Theil seiner Zeit und Kraft gekostet batten, waren schon lange ebenfalls in Oesterreich. Johann, der jimgere, besass bereits seit Jahren eine Apotheke in Linz, wie Schindler ohne Zweifel nach Beethovens eigenen Mittheilungen behauptet, durch die Hiilfsmittel, die dieser ihm gereicht. Er hatte sich aber in den Kriegsjahren, ob 1809 oder 1813/14 wusste Fran Karl van Beethoven nicht zu bestimmen, durch Lieferungen ein so bedeutendes Yer- mogen erworben, dass er sich urn 1819 das Gut Gneixen- dorf bei Krems an der Donau kaufte. War ihm dies Anlass genug sich gegen Beethoven und Andere oft genug zu ruhmen, sein Bruder werde es nie soweit bringen wie er, so schickte dieser, als er am Neujahrstage 1823 mit Schind- ler und dem Neffen beim Mittagstisch sitzend vom Nach- barhaus her eine Karte bekommt: Johann van Beethoven, Gutsbesitzer" dieselbe sogleich zuruck mit den Worten auf der Biickseite: ,,Ludwig van Beethoven, Hirnbesitzer'f. Dem entspricht, dass nach Fraulein del Eio's Erzahlung Beethoven ihn immer laut lachend ,,mein Bruder, der Apo- theker" genannt. Denn wahrlich ein Hirnbesitzer war er nicht. Doch waren dies nur gelinde und durch Humor gewiirzte Ausbriiche der mitleidsvollen Missachtung, die Beethoven gegen dieses sonderbare Menschenwesen he^en musste, das in der That ein sehr komisches Gebrau aus geistiger Beschranktheit, schlauer Geldgier, eitler Selbst- zufriedenheit und jammerlichster Unmannlichkeit und Cha-

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rakterschwache war, so recht eine Spottgeburt aus Drecl

und Pflegma, das heisst ganz ohne Mephistos Witz unc

nur zu berechtigte Menschenverhohnung.

Die entscheidenden Mittheilungen sind erst da zu machen, wo diese wirkliche Theaterfigur mit auf die Brettei tritt, die bei einem Kiinstler wie Beethoven allerdings zu- gleicli ,,die Welt bedeuten". Hier nur einige charakteri- sirende Nebenziige. Schon oben (II. 260) horten wir, wie besorgt der Herr Bruder war, dass er sein bei momentaner Verlegenheit vorgeschossenes und ausgelegtes Geld nicht .zuruckerhalten mochte. Ja Beethoven musste bei solchen nattirlich offcer wiederkehrenden Anlassen, wo es vielleicht sein eigenes kurz vorher wohlverdientes Hab und Gut war, was er da geliehen bekam, - - denn namentlich die Pretio- sen waren vor den Fingern dieser ,,raubgierigen Croaten" niemals sicher, und im Sterbeinventar steht nur ein einziger Ring im Werth von 90 PI. verzeichnet, Beethoven musste dabei sogar unedirte Manuscripte als Pfand hinter- legen. Wie gross aber der Widerwille des Kiinstlers war, einen solchen Mann ,,Zeuge seiner Thatigkeit" sein zu lassen, ersehen wir aus einem kleinen Vorfall der gleichen Zeit von 1807. ,,Se. Durchlaucht der Fiirst Lichnowsky ersucht Herrn Beethoven einer musikalischen jtbendunter- haltung beizuwohnen, die heute Abend im Augarten statt- findet. Man versammelt sich um 7 Uhr. Wien, den 11. Marz 1807", -- mit diesem Billet an ihn ging Johann hin. Doch als Beethoven ihn sah, verlangte er, dass ,,der Herr dort im griinen Leibrock" den Saal verlasse, und man kennt Beethovens Willen. Wir citiren weiter noch einmal das

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Wort Beethovens aus den Conversationen von 1823, das oben irrtMmlich auf Karl gedeutet ward: ,,Schon meines Bruders Heirath beweist sowohl seine Unmoralitat als seinen Unverstand", und gehen den ferneren .Eigenheiten des ,,Herrn Frater" nach. Sein Viergespann von moglichst auffallend aufgeschirrten Kappen 1st noch heute gar man- chem Wiener erinneiiich. Denn erst am 13. Januar 1848 gibt sich -der einzige Erbe Karl van Beethoven ,,die Ehre, die hochstbetrubende Nachricht mitzutheilen, dass sein ge- liebter Oheim Herr Johann van Beethoven gestern morgen im 72. Jahre seines Alters seelig im Herrn entschlafen sei!" Und welch exorbitanten Werth er seines Bruders Werken beilegte, das beweist die wieder von Frau van Beethoven mitgetheilte Thatsache, dass seine Kosse den Namen - Beethovenscher Werke trugen: Fidelio, Egmont etc. So lenkte er jeder Zoll ein Apotheker fruherer Tage tagtaglich in thunlichst hervorleuchtendem Kostiim durch die Leopoldstadt in den Prater und liebte nach Fraulein del Eio ,,tiberhaupt viel Staat zu machen, wie sich fur seinen Standpunct nicht schickte", um so auf seine Person vielleicht etwas von der allgemeinen Aufmerksamkeit und Bewunderung abzuleiten, die sein grosser Bruder genoss. Dabei war seine Erscheinung durchaus unangenehm. K. Czerny schildert ihn als ,,klein, rothhaarig, hasslich/4 Schindlers Schwester Frau Egloff aber sagt: ,,mit den ein- gekniffenen lauernden Augen [eins davon war in Folge yon Krankheit halb /lahm], dem schiefen Munde und dem vorsichtig langsamen Sprechen", so dass all die Namen, die Beethoven ihm gab, Kain, Asinasios, Gehirnfresser, Judas

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Ischarioth, Pseudo, wie auch Signor fratello, als Johann 1819 in Italien gewesen, wohl begreiflich sind. Andere Benennungen seiner und seiner Familie werden uns noch in weit hasslichere Tiefen einweihen, die erst spater zu be- riihren* sind. 10

Bruder Karl, der andere dunkle Punct in Beethovens Leben, scheint fiir seine Person mehr Mitleid als spottische Missachttmg zu verdienen und war auch von Beethoven* selbst herzlich geliebt. Er hatte, wie wir wissen, im Jahre 1806 Johanna Keiss, die etwa 20jahrige Tochter eines wohlhabenden Tapezirers in Wien geheiratet ,,2000 Fl. brachte die Jungfer mit", schreibt Beethoven unter Notizen liber diese Dinge auf. Sie besassen nach Starkes Mitthei- lung aber auch ,,in der Alsergasse bei die drei Laufer ein Hausgen", und zwar im Werth von 16,000 FL, ohne Zweifel von ihrer Seite her. War so far den Sohn eines kurfurst- lichen Hoftenoristen und einer burgerlichen Glaserstochter die soziale Sphare nicht eben iiberschritten und schien so- gar mit dieser Heirat sein Gliick gemacht, so darf man wohl sagen, hier ,,zog das Ungliick in das Haus". Denn ,,er hatte ein schlechtes Weib", lautet das erste vollgiiltige Wort, das wir von Beethoven selbst in dem Satyrspiel, das neben seiner Lebenstragodie heiiauft, iiber diese Personlich- keit horen, und sie wtirde unbedingt die Krone des Spiels verdienen, wenn nicht spater noch Bruder Johanns ,,Schone Helena" neben sie trate und ihr nach Kraften den Eang streitig zu machen wiisste. Sammtliche Nachtseiten jener Phase des Wiener Lebens, wo der Stachel der Lust noch nicht empfunden ward und alles wie im Paradies zu leben

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schien, finden sich in dieser Fran zur vollen Erscheinung ausgepragt und in wahrer Unverwtistlichkeit fortwirkend. Sie starb erst i. J. 1868, allerdings fast auf leerem Strok, aber 82 Jahre alt! Leichtsinn jeder Art, vor allem ziigel- lose Sinnlichkeit, Putz- und Verschwendungssncht, Yerlo- genheit, Unredlichkeit, Lust an Intrigue und wie die Tu- genden alle heissen, die ihr nachgesagt werden, bildeten aus ihr ein wahres Pendant zum Bruder Johann, der allerdings gegen solche Energie der Lebenslust erst recht wie ein altes Weib erscheint. Aber Bruder Karl ward dabei sehr un- glticklich. Er sab sich von dieser ,,Konigin der Nacht", wie Beethoven sie kurzweg nennt, bald an alien Ecken und Enden betrogen und sogar bestohlen. Denn schon im Jahre 1811 hatte sie nach den Wiener Landesgerichtsacten einen Monat Polizeiarrest nicht Zuchthaus, wie gesagt ward, auszustehen, weil sie sich eine Vermogensverun- treuung gegen ihren eigenen Mann hatte zu Schulden kom- men lassen. Und wie es bei solchen Umstanden im Haus- wesen stehen musste, davon kann man sich die Vorstellung leicht selbst machen. n

Und doch war es hier, wo Beethoven manchmal, be- sonders abends, nach wohlbegreiflichem Bediirfniss den inneren Menschen im hauslichen Kreise ausruhen lassen musste. Denn es war das einzige Haus, wo er ein natur- liches Eecht zu einem gewissen Daheimsein hatte. Yorab Fest- oder Familientage wurden dort zuweilen gemeinsam begangen. So erzahlt Kapellmeister Starke von einem ,,Nahmensfeste" Beethovens (25. August), wo er ihm auch einmal dort eine militarische Nachtmusik, ,,die merkwtir-

Nohl, Beethovens letzte Jahre. 3

digste", gebracht hatte und dann an den ,,andern Yergnii- gungen" theilnehmen musste.

Auch hatte ja der Bruder oft in Geschaftssachen aus- zuhelfen, und wenn ihm auch wegen Handlungen, die mit Beethovens Namen nicht vertraglich waren, der Yerkauf der Werke nicht weiter anvertraut ward, so barg doch Beet- hoven, der im eigenen Quartier dafur nicht Sicherheit zu haben glaubte, bei diesem Bruder manches seiner Manu- scripte. Gleichwohl kann der Besuch in einem solchen Hause nicht eben haufig gewesen sein und Beethoven sah den Bruder Karl oft langere Zeit nicht. So liegt wieder eine Mittheilung der Frau Karl van Beethoven vor, die in diese Periode falli

Eines Tags, so erinnerte sich ihr Mann, der Neffe, aus der Knabenzeit, seien sie daheim miteinander zu Tische gesessen, sein Vater schon sehr krank. Plotzlich sei die Thure aufgegangen und Beethoven hereingesturzt mit den Worten: ,,Du Dieb, wo sind meine Noten?" Darauf habe es eine heftige Scene gegeben, wobei die Mutter nur alles zu thun gehabt, um die Bruder auseinander zu bringen, und endlich seien die Noten aus der Schublade vor Beet- hoven hingeworfen worden. Dieser habe sich dann beru- higt und seinen Bruder um Yerzeihung gebeten, der jedoch nichts von ihm habe wissen wollen, vielmehr weidlich ge- schimpffc habe, worauf Beethoven ohne die Noten mitzu- nehmen aus dem Zimmer fortgesttirzt sei. Sein Yater habe dann noch weiter geschimpft, er wolle den Drachen (?) nicht mehr im Hause haben etc. Kurze Zeit nachher aber sei ihnen auf der Ferdinandsbrticke der Onkel begegnet,.

und als er das schlechte Aussehen seines Bruders bemerkt habe, sei er ihm urn den Hals gefallen und habe ihn auf offener Strasse mit Kiissen bedeckt, so dass die Leute ganz verwundert aufschauten. Dann habe er ihn in einen Fiacre gezogen, urn ihn mit nach Hause zu nehmen, und ihn auch nOch im Wagen fast mit Ktissen besturmt. Ueberhaupt sei es ihm daheim offc vorgekommen, als sei er in einem Narren- haus. Er selbst aber ward ,,durch Schlage erzogen", wie Beethoven in einem Briefe an Giannatasio sagt.

Beethoven freilich scheint sich schon zu Lebzeiten des Bruders gegen das ,,schlechte Weib" gewehrt und jenem nach Kraften beigestanden zu haben. ,,Indem Sie in grossen Irrthumern lebten tiber sich selbst, halte ich erst fur nothig hier einen Standpunct einzunehmen" steht im Tagebuch unmittelbar nach der Stelle ,,so mogen die letzten Tage verfliessen etc.", also in diesem Winter 1814/15. ,,Da es schon offcers geschehen ist, dass Sie, nachdem Sie Ihre Tiicke an mir ausgelassen, sie dann wieder mit einiger Freundlichkeit wieder gut zu machen suchten -- losge- sprochen wurden Sie nicht von Ihrer Strafe etc." Und gleich darauf: ,,Wahrscheinlich glauben Sie, dass ich alles dieses nicht bemerkte, allein um Sie aus diesem Irr- thume zu ziehen, so will ich Ihnen nur bemerken, dass wenn Ihnen vielleicht daran gelegen ist, einen bessern Eindruck auf mich zu machen, dieses gerade die entgegen- gesetzte Methode ist eben dadurch ich ungern wieder bedauern muss, 'dass mein Bruder Sie Ihrer verdienten Strafe entrissen hat etc." Spater ward die Behandlung aber etwas weniger zart und rucksichtsvoll. 12

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Solche VerMltnisse waren es, mit denen Beethoven in sehr nahe und nicht abzuschtittelnde Beriihrung gebracht werden sollte, als Bruder Karl starb und ihm sein einziges Kind formlich als Sohn hinterliess. Die Krankheit dessel- ben hatte also schon einige Jahre gewahrt und auch ihm viel Ungelegenheit und Ausgaben geniacht. ,,1810 erhielt mein ungliicklicher Bruder die erledigte Liquidationsad- junctenstelle mit Erlegung einer Dienstcaution von 1000 Fl." notirt er sich spater. Ebenso wird er wohl selbst die 2000 FL haben vorschiessen mtissen, als ,,1812 die Kassirerstelle bei der k. k." d. h. osterreichischen National- bank erlangt wurde. Dabei war nach den Yormundschafts- acten spater diese Summe nirgends zu finden! Bald schon muss Karl sich Pferd und Wagen halten, ,,um nur leben zu konnen" , und als Beethoven dieselben einmal' im Sommer 1815 zum Besuch bei der Grafin Erdody ge- braucht und wohl nicht sogleich mit zuriickbringt, findet er seinen Bruder lamentirend, wobei gegen den graflichen Magister die echt Beethovensche Aeusserung fallt: ,,Seine Krankheit bringt schon eine gewisse Unruhe mit; lassen Sie uns doch helfen wo wir konnen, ich muss nun ein- mal so und nicht anders handeln, - - es ist nicht der Muhe AVerth wegen lumpigen einigen Gulden Jemanden leiden zu lassen." Anders freilich dachte die k. k. Kassen- direction. Sie verfiigte noch am 23. October 1815, also drei Wochen vor des Bruders Tode, es sei aus keinen Zeugnissen eine unheilbare Krankheit zu ersehen, sondern dessen un- zweckmassige seit drei stets unterbrochene Verwendung lasse als auf eine besondere und strafbare Unlust zum

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Dienen und auf angewohnte Fahrlassigkeit gegrtindet ver- muthen. Er solle sich sogleich wieder stellen. Doch erfolgte die Pensionirung, wie wir horten, noch elie er - - todt war. Ebenso entscMed dieser schon am 15. November eintretende ,,so geschwinde" Tod trotz aller Zeugnisse fur Unheilbar- keit der Krankheit, und so war Beethoven nach vielem Yerdruss bei diesem Tode plotzlich wie ebenfalls sein eigener sehr ernst gemeinter und seinem personlichen Ge- ftihl aufs innerste entsprechender Ausdruck gegen Kanka lautet, ,,wirklich leiblicher Yater von seines verstorbenen Bruders Kind".

Der 5. Punct des Testaments vom Tage vorher lautete namlich: ,,Bestimme ich zum Yormunde meinen Bruder Ludwig van Beethoven. Nachdem dieser mein innigst geliebter Bruder mich oft mit wahrhaft brtiderlicher Liebe auf die grossmutkigste und edelste Weise unterstiitzt hat, so erwarte ich auch fernerhin mit voller Zuversicht, dass er die mir so oft bezeigte Liebe und Freundschaft auch bei meinem Sohne Karl haben und alles anwenden wird, was demselben nur immer zur geistigen Bildung meines Sohnes und zu seinem ferneren Fortkommen moglich ist. Ich weiss er wird mir diese meine Bitte nicht abschlagen." Es hatte dieses Appells an Beethovens Herz nicht bedurft, um denselben bei diesen Yerhaltnissen in helfende Thatig- keit zu versetzen. Dass es geschah, liess die Angelegen- heit fiir Beethoven zu einer personlichen Yerpflichtung werden, fiir die er sein ganzes Konnen und Yermogen ein- zusetzen habe. Zum Unheil aber war durch das gleiche Testament der Advocat Dr. Schonauer, ,,ein im Eufe

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-ti-hender Intrigant", wie Schindlers Signalement laute-t, zum Curator ernannt, imd zwar ,,fur die Pflegung der Ab- Iniudlung sowohl als auch sonsten mit dem Beisatze, dass derselbe bei alien Angelegenheiten, welche das Yermogen des Enaben betreffen, zu Eathe gezogen werden solle". Denn dieser Umstand in Yerbindung mit dem Character der Mutter, die sich obendrein durch solcbe Bestimmungen zuruckgesetzt fiihlte, fiihrte zu jener Eeihe von gerichtlichen Auseinandersetzungen, die Beethoven so viel Zeit und Kraft gekostet baben. Ursprunglich war namlich sie als Yor- mimderin eingesetzt gewesen und Beethoven nur als Mit- vormund. Wenigstens erscheint die Sacbe so in der Ge- richtsverhandlimg vom 22. Novbr. 1815. Am 28. Novbr- aber bittet Beethoven schon die ,,Landrechte" um Ueber- giibe der Yormundschaft an ihn allein, und ohne Zweifel bestimmt der bereits offenkundige Charakter und Wandel der Mutter das Gericht, diese Yerfugung auch baldigst* zu treffen. Denn schon am 6. Februar des folgenden Jahres 1816 schreibt Beethoven selbst an Brentano: ,,Derweilen luibe ich gefochten, um ein armes ungltickliches Kind einer umviirdigen Mutter zu entreissen und .es ist gelungen te deum laudamus."

So war er denn, wie es am 26. Sept. gegen Wegeler heisst, ,,Mann, Yater, doch ohne Frau", aber zugleich mit jenem Trost der Errettung seines Kindes, den er auch sunst noch oft ausspricht. ,,Du lebest glticklich, Du habest Kinder, beides trifft wohl bei mir nicht ein", lautete noch um 12. April 1815 die Antwort an Amenda auf die Schilde- nmg des einfachen Landpfarrers auf einem angenehmen

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Landsitze an der Selte seiner guten Jeannette, umgeben von einer kleinen Kinderwelt. ,,Mit Deiner patriarcha- lischen Einfalt fallst Du mir lOOOmal ein, und wie oft habe ich d. g. Menschen wie Du um mich gewtinscht - allein zu meinem Bestea oder zu Andrer will mir das Sehicksal Merin meine Wiinsche versagen, ich kann sagen ich lebe beinahe allein, in dieser grossten Stadt Deutsch- lands, da ich von alien Menschen, welche ich liebe, lieben konnte, beinahe entfernt leben muss." Jetzt hatte er also den Sjahrigen Knaben, und es ,,macht viele jedoch siisse S or gen" sagt er zu Brentano. Jedoch hiebei hatte ich ebenfalls den zweiten Theil der Zauberflote wohl auf die Welt bringen konnen, indem ich es auch mit einer Konigin der Nacht zu thun habe", scherzt er noch gegen Kanka. Allein wie der Yater, so sollte fortan ftir diesen Knaben auch eine solche Mutter wenigstens nach Beethovens bester Absicht todt sein und die ganze Sorge um das Kind ihm allein zufallen. Und ,,dann brach", erzahlt mit ein- facher Treue Fraulein del Kio, ,,wenn ich so sagen darf, ein neues Gemiithsleben bei Beethoven hervor; er schien sich dem Jungen mit Leib und Seele weihen zu wollen, und je nachdem er frohlich war durch seinen Neffen oder in Verdriesslichkeiten verwickelt wurde oder wohl gar Kummer erdulden musste, schrieb er oder konnte er nichts schreiben." Verdriesslichkeiten und bald auch Kummer reichten zunachst in fast ununterbrochener Folge einander die Hand, und zwar sowohl wegen der Vormundschaft wie wegen der Erbregulirung, die hier ebenfalls durch die [utter und ihren Advocaten ihre Schwierigkeit gewann. 13

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Vor allem also gait es den ,.Sohnif moglichst der Ein- wirkung der Wittwe zu entziehen, und da, wie Beethoven 1819/20 in ein Conversationsbuch schreibt, ,,die Landrechte durcliaus wollten, dass der Knabe in ein Institut komme", und auch in der That bei Beethoven selbst eine ordent- liche Erziehung des Kindes schwer einzurichten war, so Aviililte er das Institut eben jenes Herrn Giannatasio del Kio, dessen Tochter uns so manchen erwtinschten Bericht gegeben. Sie ist uns auch jetzt neben den eigenen Brief en Beethovens eine Hauptquelle. Das Institut war schon seit 1798 errichtet und vermuthlich Beethoven besonders em- pfohlen worden. ,,Ich sehe noch wie Beethoven mit Be- weglichkeit sich hin- und herdrehte und wie wir aufx seine dolmetschende Begleitung Herrn Bernard nicht achtend uns gleich zu Beethovens Ohr wandten", erzahlt das Frau- lein, und Beethoven selbst meldet dorthin Ende Februar 1816: ,,Ich sage Ihnen mit grossem Vergniigen, dass ich morgen endlich mein mir anvertrautes theures Pfand zu Ihnen bringen werde. Uebrigens bitte ich Sie noch ein- mal, durchaus der Mutter keinen Einfluss zu gestatten; wie oder wann sie ihn sehen soil, alles dieses werde ich mit Ihnen morgen naher verabreden. Sie dtirfen selbst auf Ihren Bedienten einigermassen merken, denn der mei- nige ward schon von ihr, zwar in einer anderen Ange- legenheit bestochen! -- Mtindlich ausfuhrlicher Member,' obschon mir das Stillschweigen das Liebste hiejiiber allein Ihres ktinftigen Weltbiirgers wegen bedarf es dieser mir traurigen Mittheilung."

Dieses Billet versetzt uns sofort in die Mitte der

Verwicklungen. Offenbar gegen seine Neigung war Beethoven eben durch die Lage der Sache gezwungen worden, den Knaben in ein Institut zu geben, das er von vornherein far ,,schlecht" Melt (8. Marz 1816 an Kies). Er ware da- heim gegen die Umtriebe der ,,Konigin der Nacht" nicht gesichert gewesen. Da dieselbe nun aber trotz aller Yor- sicht auch Mer Gelegenheit fand, sich dem Kinde zu nahern, - - ,,sie soil einmal als Mann verkleidet auf den grossen Platz am Hause gekomnaen sein, wo die Knaben ihre Turniibungen hielten", erzahlt das Fraulein, - - so kann man sich vorstellen, wie der misstrauische Meister auf die Dauer eine formliche Antipathie gegen jene Anstalt bekam, die ihm dann das eine Mai als ,,holzernes Institut", das andre Mai als ,,Verziehungsanstalt" erschien. Er legte eben seinen personliehen geistigen und moralischen Mass- stab an und bedachte nicht, dass derartige Institute eben stets einen Durchschnitt darstellen, wie er fur die Jugend, zumal wenn sie in solcher Mehrzahl vorhanden ist, allein zu Kesultaten ftihrt. Wie denn auch Schindler (I. 259) hier ausdrticklich eine ,,gute Erziehung" des Knaben con- statirt. Im Grunde ftihlte aber auch Beethoven selbst, dass wirklich gute Absicht walte, und so sind anderer- seits seine zahlreichen und oft riihrenden Dankbillets an Giannatasios durchaus nicht als unaufrichtig oder auch nur tibertrieben aufzufassen. Sie wiirden ihm vielmehr auch personlich spater nur als der entsprechende Ausdruck fur die Sache erschienen sein, nachdem er durch andere Ver- suche gar herbe Erfahrungen hatte machen mtissen.

Eine ausfuhrliche Darstellung all dieser kleinen oft

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weckselnden imd dennock stets gleichen Begebenkeiten gekort nun aber nickt in die Biograpkie, zumal die Sckrift- stiicke ja bereits in Beethovens Briefen veroffentlickt sind. Wir konnen uns daher auf die Hauptsacken besckranken imd im allgemeinen den Eindruck feststellen, dass Beet- hoven wakrend dieses Aufenthaltes des Neffen bei Gianna- tasio dock im Vergleich mit den nackstfolgenden und spa- teren Begebnissen nock gute Zeit katte und namentlick auck selbst manckmal wokltkuende Kuke im Familien- kreise genoss. Wir folgen dabei vor allem den naiven Berickten der Tockter des Hauses, die uns zugleick zu erquicklickeren und mekr Beetkovenscken Dingen fukren.

Man katte also das Vergniigen, Beetkoven oft bei sick zu seken, und im Herbst 1817, als das Institut auf das Landstrass-Glacis verlegt war, nakm er sogar eine Wok- nnng in der Nake und war dann den Winter tiber fast alle Abend in diesem kauslicken Kreise. ,,Leider waren reckt interessante Abende selten, denn ka'ufig war er, ein Pegasus im Jocke, durck die vormundsckaftlicken Angele- genkeiten verstimmt oder auck wokl kranklick. Dann gesckak es, dass er ganze Abende bei uns am runden Tisck, wie es sckien in Gedanken versunken, sass, manck- mal wokl auck lackelnd ein Wort kinwarf, dabei fort- wiikrend ins Scknupftuck spuckend oder nack dem Yolks- ausdruck spiazelnd, dabei es jedesmal ansekend, sodass ick manckmal dackte er furckte Blutspeien zu finden." Mutter und Bruder waren an der Lungensuckt gestorben und er selbst katte im letzten Winter an einem Lungenkatarrk gefakrlick und lange zu leiden gekabt.

,,Leider hatten wir selbst viel Schuld an dieser Lang- veiligkeit" fahrt die Erzahlerin fort ; ,,denn wie Beethoven ich ofters in kleinen Spottereien gefiel, so hatte er auch iber Eltern gelacht, welche sagten: meine Tochter spielen h von Ihnen. Das war uns genug und die Musik war rerade damals bei uns fast verbannt, was mich spater oft jereuet hat. Denn einmal als er mit Zeitungslesen be- chaftigt im Zimmer war und ich meine Scheu iiberwand md sein ,,Kennst du das Land" spielte, kam er allsogleich lerbei, tactirte und bei einer Stelle, wo vielleicht mancher lachlassen wiirde, wollte er eifrig gleich fortgespielt haben." iuch unterliess er nicht den Madchen neue Compositionen, lamentlich Lieder, mitzubringen, so ,,das Geheimniss" von ^essenberg, ,,die Hoffnung" von Tiedge, die im Fruhjahr 816, und ,,die entfernte Geliebte", die im Juli desselben Fahres erschien. Bei letzterer Composition liess er die ,Frau Aebtissin", wie er unsere Erzahlerin nannte, wenn jr sie so mit dem Schltisselkorbe in der ziemlich einsamen ^7ohnung am Glacis umher gehen sah, nur die Angst aus- tehen ihrer Schwester zu begleiten und setzte sich mit len Worten: ,,gehn Sie weg" selbst ans Clavier. Dabei | griff er zu ihrem grossten Erstaunen haufig falsch und Ibemerkte dennoch wieder, als die Schwester fragte, ob sie j nicht gefehlt: ,,es war gut, aber hier", und bezeichnete eine Stelle, wo kein Yerbindungszeichen angegeben war: ,,hier mussen Sie heriiberziehen". Mittheilenswerth ist da- bei noch die Aeusserung, er habe selbst das vollstandige Bild des aufzufuhrenden Sttickes dargestellt und bei dieser Clavierbegleitung ,,schon ganz gefiihlvoll dagesessen." Ein

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anderes Mai schrieb er ihnen einen kleinen Canon auf ,,mit Bleistift nur". Es war vermutklich der auch im Januar 1816 Ch. Neate aus London ins Stammbuch geschriebene auf Herders Distichon ,,Das Schweigen". Oft in seiner Laune war er aber auch voll Wortspiele und Witzfunken, und eines Abends erinnerte sich die Erzahlerin, an dem er wie ein Kind mit ihnen herumtollte und vor den An- griffen sich mit Stlihlen etc. verpalisadirte,.

Im September dieses ersten Institutsjahres 1816 lud er das ,,Giannatasiosche Haus" auch einmal zu sich nach Baden. ,,Als wir nun nachmittags in seiner Behausung angekommen waren, wurde ein Spaziergang vorgeschlagen; doch unser Wirth wollte nicht mitgehn und entschuldigte sich, dass er so viel zu thun habe; jedoch versprach er nachzukommen, was auch geschah. Als wir abends nach Hause kamen, war aber keine Spur von Beherbergung zu sehen. Beethoven murrte, ent- und beschuldigte die damit beauffcragten Personen und half uns selbst einrichten; o wie interessant war es, mit seiner Htilfe ein leichtes Sofa weiter zu schaffen. Uns Madchen wurde ein ziemlich grosses Zimmer, in welchem sein Clavier stand, zum Schlafzimmer eingeraumt. Doch der Schlaf blieb in diesem musikali- schen Heiligthum uns lang feme. Ja und ich muss es zu meiner Beschamung gestehen, dass unsere Neu- und Wissbegierde einen grossen runden Tisch, welcher sich darin befand, unserer Untersuchung aussetzte."

Nun fand sich, wie wir oben II. 383 gehort haben, hier und am andern Morgen durch die belauschte Unterredung des Meisters mit ihrem Vater ihre langstgehabte madchen-

hafte Ahnung bestatigt, dass Beethoven ungliicklich liebe! Wir aber wissen zugleich, dass jetzt fur ihn gedoppelte Ursache vorhanden war, sein Geschick zu bedauern, das ihm Ehe und Hluslichkeit vorenthielt. Schon um des ,,Sohnes" willen musste sie ihm jetzt als ein hohes Gliick erscheinen. ,,Dann folgte ein Augenblick", schliesst der Bericht, ,,welcher uns ftir manche Missverstandnisse von seiner Seite und krankendes Betragen entschuldigte» denn er kannte meines Yaters freundschaffcliches Anerbieten, .ihm in seinen hauslichen Bedrangnissen womoglich beizu- stehen, und ich glaube, er war iiberzeugt von unserer Freundschaft fur ihn. Er sprach noch von dem ungluck- lichen Yerlust seines Gehors, von dem elenden Leben, das er viele Zeit in physischer Eiicksicht gefiihrt. Er war so frohlich beim Mittagsmal (im Freien in Helena), seine Muse umschwebte ihn ! Er beugte sich ofter an die Seite und schrieb einige Tacte mit der Bemerkung: Mein Spa- ziergang mit Ihnen hat mir Noten genommen, doch auch wieder eingetragen." So war doch gegenseitiges Yer- stehen in diesem Yerhaltniss, und ,,Beethoven zeigte immer gegen uns ein sehr dankbares Gefuhl und nannte die Leistungen und Pflege fur seinen Neffen unbezahlbar", sagt das Fraulein. Besonders lebhaft ausserte sich eben jetzt dieses Gefuhl, da Karl in dieser Zeit eine Bruchoperation gliicklich iiberstanden hatte, wobei vor alien die Mutter Giannatasio sich sehr hiilfreich bewies.

Ueber die Art seiner Behandlung des. Knaben selbst erfahren wir hier nur wenig. ,.Er ausserte einmal bei Gelegenheit: Was werden die Leute sagen, sie werden mich

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far einen Tyrannen halten", sagt das Fraulein. ,,Bas konnte aber niemand glauben, wenn er ihn nur einmal mit sei- nem geliebten Neffen gesehen hatte; denn er duldete sogar, dass dieser ihn leiblich tyrannisirte, wenil er auf ilin herauf- kletterte und ihn fast vom Stuhle warf." Gerade solches Uebermass von Zartlichkeit aber war es, was in Verbin- dung mit gar zu hohen Vorstellungen von der geistigen Begabung und Bestimmung des Knaben und mit einem zu haufigen Wechsel des Aufenthaltsorts und Bildungs- systems schliesslich die Erziehung desselben vollig ver- pfuschte und namentlich anstatt die anerzogenen und ange- bornen iiblen Neigungen auszugleichen, das Unkraut in voller Ueppigkeit aufschiessen und sogar den nicht fehlen- den edleren Kern tiberwuchern liess.

,,Der Knabe muss Ktinstler werden oder Gelehrter, um ein hoheres Leben zu leben", ausserte Beethoven selbst im Friihjahr 1816 gegen Dr. Bursy und sprach dabei ,,herrliche Ansichten aus tiber das Leben", die dieser uns leider verschweigt. Auch heisst es hier, dass er ihn gern ganz zur Musik erziehen wolle, wenn er nur irgend was Eminentes leisten konne, er solle schon recht brav Clavier spielen. Darum gab er ihm von vornherein einen Lehrer, in den er um. so mehr Vertrauen setzen konnte, als der- selbe gewissermassen an Beethovens Werken selbst Schule gemacht, Karl Czerny. ,,Niemand hat es wohl besser verstanden die schwachsten Finger zu starken und in heil- samer Tongymnastik die Studien zu erleichtern, ohne den Geschmack zu vernachlassigen," schreibt von ihm Mosche- les in sein Tagebuch. Zugleich aber iiberwachte er diesen

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Unterriclit personlich, indem er nicht bios mimdlich oder schriftlich dem Lehrer selbst Anweisung ertheilte, man lese seine Briefe dariiber, -- sondern den Knaben auch thunlichst oft bei sich zu Hause tiben liess. Auch nalim er ihn, so oft es sich machte, mit in gute Productionen. Dies sowie sein Begehren einer haufigeren und ausgedehn- teren Uebungszeit fiir den Knaben und allerhand Kiick- sichtsnahme darauf war dann aber bald der Anlass zu Conflicten mit dem Institutsvorsteher. Ueberhaupt, je mehr Beethoven zu der MeinUng gelangte, hinter dem Buben stecke etwas besonderes und derselbe qualifizire sich zu einem ,,hoheren Leben", je weniger wahrten seine Anforde- rungen an das Institut die nothigen Schranken, und sol- cher Mangel an Zufriedenheit blieb andererseits dem Kna- ben gewiss nicht verborgen. Schon im Marz 1816 schreibt Beethoven an Hies von einer eigenen Haushaltung, und im Juni redet er gegen Bursy sogar von einem besonderen Erzieher fur den Knaben.

Ueberall also liegen hier durch eigene und durch fremde Schuld die Keime sowohl zu kleinen Aergernissen, die am Ende noch zu iiberwinden waren, wie zu schweren Verwicklungen, die schliesslich Katastrophen herbeifuhrten, welche mit der ,,Vollendung" Beethovens in nur 2u nachweis- barem Zusammenhang stehen. Doch liegen diese weiteren Begebenheiten in dem Gange der biographischen Darstel- lung selbst, fiir deren Wiederaufnahme wir also jetzt ge- ntigend vorbereitet sind. 14

Zweites Kapitel.

Drei freundliche Sterne.

1815 16.

Wir betreten sogleich wieder das versohnende Gebiet von Beethovens Schaffen.

,,Verzeihen Sie die Confusionen; wenn Sie meine Lage kannten, wiirden Sie sich nicht dariiber wundern, vielmehr iiber das was ich hierbei noch leiste", und: ,,die Sonate ist in drangvollen Umstanden geschrieben, denn es ist hart, beinahe um des Brotes willen zu schreiben; so weit habe ich es nun gebracht", so heisst es im April 1819 gegen Ries von dem Werke, das in dem Dunkel des Beethovenschen Daseins dieser nachsten Jahre ebenso uns wie ein Licht vor dem Port dammert, wie den Meister selbst der Gedanke, nach all dem ,,Schmieren um des Geldes willen es wieder bei einem grossen Werke auszu- halten", in diesem Gewirre aufrecht erhielt. In der That ist, da nun einmal das ,,Eequiem" (s. o. II. 565) auch trotz dem Tode zunachst Lichnowskys und dann Lobkowitz' weder jetzt noch tiberhaupt je geschrieben ward, diese Sonate Op. 106, zumal in ihrem Adagio, als das nachsteEr-

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gebniss all dieser innerii und ausseren Miihen zu betrach- ten, - - ein Ergebniss, das in seinem Gehalt und nach der Innerlichkeit seiner Stimmung wieder einen Riickschluss auf das Mass der Leiden gestattet, das hier voni Leben einem Sterblichen kredenzt ward. Denn dasselbe tiberragt alles bisher Gebotene in solchem Grade, dass Mer der Be- ginn eines neuen Stadiums in Beethovens Entwickelung zu constatiron ist, eben jenes Stadiums der vollen inneren Reinigung und einer wahren Heiligung des Gemiiths, aus dem sich des Meisters letztes und weitaus grosstes Schaffen gebar. 15

Was zwischen dieser ,,Riesensonate", wie man sie ihrerzeit nannte, und der Siebenten Symphonic, ,,einer meiner vorziiglichsten" lautet Beethovens eigenes Urtheil damals gegen Salomon liegt, gehort in keiner Weise zu jenen ,,grossen Werken", wie es gegen Amenda heisst und zu denen er die ,,kleine Symphonic in F" so wenig rechnete wie trotz ihrer Ausdehnung die Cantate ,,der glorreiche Augenblick", alles mehr oder weniger bestellte oder doch Gelegenheits- Arbeit. Doch leuchten auch hier wenigstens ,,drei freundliche Sterne ins Dunkel des Lebens hinein'S das sind die Sonaten Op. 101 und 102 und der liebliche Liederkreis ,,An die feme Geliebte", Op. 98. Sie werden also auch uns Ruhe- und Erholungspuncte in dem sonst wenig bietenden und oft genug unerquicklichen Getreibe dieser Zeit sein.

Zunachst ist trotz allem, was der Congress geboten, wesentlich fur das nachste Bediirfniss zu sorgen, und da waren naturlich Thomsons fortlaufende Bestellungen sehr

No hi, Beetliovens letzte Jahre. 4

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erwtinscht. Derselbe erfahrt denn auch bereits im Februar 1815, dass all seine ,,songs", zu denen verschiedenartiges Accompagnement zu setzen war, fertig daliegen. Auch befinden sich in Wien wie in Berlin Manuscripte ,,Schot- tischer Lieder", wie Beethovens Ausdruck fiir all die musi- kalischen Vorlagen aus dem Volksleben fast aller europai- schen Nationen lautet, aus dem ,,Monath Mai 1815" oder ,,1815 den 23. Weinmonath", und andere wie in Berlin und Petersburg weisen auf das Friihjahr 1816, sowie diese eintragliche Beschaftigung auch noch durch die nachsten Jahre gleichmassig fortgeht. Offenbar erfreute und er- frischte ihn zugleich personlich diese leichte Arbeit, die ihn stets mit dem urspriinglichen Born und Leben der Musik in Bertihrung brachte. Er schreibt in eines der Artariaschen Manuscripte in seinem Franzosisch: Voila comme on ne doit pas avoir peur pour expression des tons le plus etrangers dans melodie puisque on trouvera sure- ment un harmonie naturell pour cela", und liess es sich nicht verdriessen, dieselben Lieder zwei-, dreimal zu bear- beiten.

Ausfuhrlicher unterrichtet uns jedoch liber die ktinst- lerischen Absichten und Arbeiten in diesem Jahre das oben II. 574 erwahnte Kietzsche Notirbuch vom Winter 1814/15. Auf Blatt 2 steht hier: ,,Gemalde der merk- wiirdigsten Revolutionen 2ter Sammelband in der Hetting- schen Buchhandlung", auf Blatt 6 ,,Marsch nach der Trom- mel" (D dur), auf Bl. 7: ,,In Drurylane-Theater am 10. Febr. und auf allgemeines Begenren am 13ten wiederliolt wor- den, Wiener Zeit. vom 2ten Marz", namlich die Schlacht

von Vittoria, dariiber ,,Freu - - de" mit einem

Jubilus, zum Canon in Spohrs Stammbuch gehorig; auf der anderen Seite Skizzen zum Finale der Sonate Op- 102 I. Bl. 10 enthalt vollstandige Skizzen zu ,,Merken- stein", zuerst in 6/8 und spater in 3/8 Tact geschrieben, Bl. 11 den Canon ,,Das Schweigen", Bl. 12 fiinf Tacte eines unbekannten Adagios in Es und ,,Sinfonie in Hmoll Pauken DA nur 2mal in selbiger Form [?] im ersten A Werke", auf der anderen Seite ,,Sonata pastorale Cello All. cemb. Viola"; Bl. 13 wieder ,,Marsch zum Attakiren" 2/4 Gdur ,,Horn in G" und auf der anderen Seite ,,alter

- Freund ist lautres Gold", also wieder obiger Canon; Bl. 14: ,,Der C pt dazu ist leicht zu finden, da er inner- halb der Granzen bleibt" und dann ,,Sonate in Cmoll"; BL 15: ,,Es theilt sich die Welle", also Goethes Meeres- stille etc., weiter aber ,,Andante bassi pizzicati" in Hmoll and ,,Trio" in Hdur ,,Clarinetti Corni", wohl zu jener H-mollsymphonie gehorig; endlich mehrere Seiten Skizzen las Fugato der Cellosonate Op. 102 II., eine unbekannte ,Fuge" in Fmoll und ,,alla Pollacca Ein Concertant oder Sinfonie, nur allein B. I. [Blasinstrumente] Solo auch an- lere" und ebenfalls unbekannt ein ,,Larghetto in 3/8 Emoll"

- also kleinere Notizen, wie auf Spaziergangen gesammelt.

Das ebenfalls schon erwahnte dicke Mendelssohnsche ' >kizzenbuch zum ,,Glorreichen Augenblick" aber enthalt ' iuf den spatern Blattern ausser der Notiz ,,Schuppanzig JOO Fl. voraus" die Bemerkung ,,Sinfonie^ auf 2erlei Horn" ' lann ,,a due Merkenstein" nb. ebenfalls noch in 6/8 Tact, ; larauf Skizzen zu dem im Juni 1815 erschienenen Liedchen

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,,Ich zieh' ins Feld von Lieb entbrannt" von Keissig und endlich nach Orchesterskizzen auf dem letzten Blatt eb en- falls Notirungen zn dem Canon fur Spohr.

Wir konnen also feststellen, dass die Cellosonaten Op. 102 und ,,Meeresstille" ihn in diesem Frlihjahr beschaf- tigten, und beide AYerke wurden auch in diesem Jahrel 1815 fertig. Ihre Yeranlassung kennen wir nicht.16

Der ,,Marsch nach der Trommel" und der ,,zum Atta-I kiren" erklaren sich aus dem jah wieder ausbrechendenj Kriege. ,.Alles ist Wahn, Freundschaft, Konigreich, Kaiser-l thum, alles nur Nebel, den jeder Windhauch vertreibt undj anders gestaltet!!" heisst es am 8. April dieses JahresJ gegen Kanka. ,,Womit soil ich Ihnen in meiner Kunslj dienen? Sprechen Sie, wollen Sie das SelbstgespracJ eines gefluchteten Konigs oder den Meineid eines Usur pators besungen haben?" Napoleon hatte am 1. Marz Elbi verlassen. Die intentionirten Marsche blieben jedoch aucl nur ,,Nebel, den jeder Windhaucn vertreibt". Ebenso ha die Welt nichts von einer Symphonic in Hmoll oder gaj auf zweierlei Horn gesehen. Dagegen lassen Skizzen ode vielmehr ausfuhrliche Ausarbeitungen zum Finale der Sol nate Op. 101, die sich in einem diinnen Bande der liner Bibliothek befinden, vielleicht auf die Entstehui dieser Werke schon in diesem Friihling oder Somm< schliessen, denn sie folgen einer kurzen Orchesternotirunj zu einem ,,Marsch alia fuga ftir den P. Eugen.", Zur Fei( der erneuten Beendigung des Krieges durch die Einnahi von Paris aber, die am 13. Juli in Wien bekannt wail wurde neben anderen Componisten auch von Beethove

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etwas beigetragen, indem er den Schlussgesang ,,Es 1st vollbraclit" in Treitschke's rasch zusammengestoppeltem Singspiel ,,Die Ehrenpforten" schrieb. Die Auffuhrung ge- schah schon am 15. Juli, und den Skizzen zu diesem Stticke gehen in einem Petterschen ,,Notirbuche" solche einer ,,Sinfonie" in C dur voraus. Wir sehen also, dass die Ab- sicht solcher Arbeit wie im Grunge als seine eigentliche Weise] beriihrend stets, auch jetzt bestimmt und mannig- faltig vorlag. Diesmal aber wird es damit eine besondere Bewandtniss gehabt haben, namlich dass auf solche Art te Reise nach London vorbereitet ward.17

Schon 1792 hatte vor der Abreise von*Bonn ein E. v. Jreuning ihm ins Album geschrieben: ,,Sieh es winket Freund lange dir Albion" und Neefe theilt in der Berliner Musik. Zeit vom 26. Oct. 1793 mit, dass Haydn bei seiner zweiten Reise nach London Beethoven mitnehmen wollte. ,,Und so freundlich die* Hand reichet ein Barde dar" heisst es ferner in jenem Vers offenbar von dem Bonner Salo- mon, dem denn auch am 1. Juni 1815 Beethoven selbst schreibt, dass er ,,immer diesen Wunsch erftillt zu sehen hoffte". Und was war natlirlicher, da dort beides, Ruhm und pecuniarer Gewinn, zu holen war! Auch ,hatten ja die Englander schon Geschmack an seiner Kunst gefunden, und wie am 15. Febr. 1814 Christus am Oelberg, so war jetzt die Schlacht von Vittoria mit steigendem Beifall auf- genommen worden. Ja das letztere Werk war schon im Juli 1814 an den Prinz-Regenten von England gesendet worden (s. o. II. 577), und es scheint sogar, dass schon da- mals auch directe Antrage von London gekommen waren.

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Derm Beethoven schreibt an Zmeskall: ,,Ich reise nicht, wenigstens will ich mir hierin keinen Zwang auflegen, - die Sache muss noch reiflicher iiberlegt werden. - - Unter- dessen ist das Werk dem Prinzen Kegenten schon liber- schickt worden; will man mich, so hat man mich, nnd dann bleibt mir noch die Freiheit, ja oder nein zu sagen. Freiheit!!!! was will man mehr!!!" Ebenso hatte er dann in der Congresszeit aus leicht begreiflichen Griinden sich der Einladung eines General King zur Composition einer ,,verstandlicheren" Symphonic nnd zur Keise mit ihm nicht bequemen mogen: ,,er lasse sich nichts vorschreiben etc. erwiderte er (s. o. II. 576). 18

Jetzt aber, im Fruhjahr 1815, tritt das Project ihm be- stimmt nahe und verlasst ihn dann nicht mehr bis zum Lebensende. Auch hatte der Besuch rheinischer Freunde, wie des Eheinzolldirectors Eichhoff von Bonn ihm seine Heimat lebhaffc in Erinnerung gebracht, und Wegeler be- kam dabei gewissermassen als Vorlaufer den Kupferstich nach Letronne und ein bohmisches Glas ubersandt. Und so steht im Tagebuche damals: ,,Bruhl beim Lamm, wie schon meine vaterlandischen Gegenden wiederzusehen, nach England reisen, dann daselbst vier Wochen zugebracht." Sodann lebte seit 1813 sein Schiller Kies dort. Doch standen diesem Unternehmen immer noch ,,mancherlei Hindernisse", wie jetzt der kranke Bruder und spater der Neffe entgegen, und so schreibt er zunachst einmal an Salomon den bereits mehrfach erwahnten Brief und bittet ihn um den Verkauf mehrerer Werke, wie Op. 95, 96 und 97, der Symphonien in A und F, Fidelio, des Glorreichen

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Augenblick und Wellingtons Sieg dort, wovon denn auch in der That Mr. Birchall letztern und die Adursymphonie (im Clavierauszug), sowie die Sonate Op. 96 und das Trio Op. 97 urn den guten Preis von 130 Due. und spater 5 L. Copiaturkosten ubernimmt. Dann aber kam im Sommer dieses Jahres Charles Neate nach Wien und erregte neuen Trieb zur Eeise. Derselbe, nach Fetis 1784 in London geboren, ein Schiller J. Fields und dann um 1804 Winters in Mtinchen und Wolffls in Wien, trat durch liebenswiirdiges Wesen Beethoven damals recht nahe und ward ihm sogar personlich befreundet. Er war einer der Griinder der Philharmonischen Gesellschaft in London und ubernahm es, bei derselben die zu honorirende Auffiihrung mehrerer Werke Beethovens durchzusetzen. Dieser gab ihm denn auch schon im Juli 1815 fur die Gesellschaft 3 Ouverttiren, namlich die ,.Zur Namensfeier", zu Konig Stephan und zu den Euinen von Athen mit, und Neate zahlte sogleich im Yoraus 20 L. Zugleich nahm er den Fidelio mit, um ihn in London zu verwerthen. Solcher offenbaren Antheilnahme an seinem Thun und Schaffen entgegnete Beethoven einerseits durch Schenkung der Copie der damals vollendeten Sonaten Op. 102, auf deren No. I sogar steht, ,,dediee a son ami", andrerseits durch die bei- den Kanons Schweigen und Eeden, die er am 24. Januar 1816 ,,seinemliebenEnglischenLandsmanne" [?] ins Stamm- buch schrieb. Ebenso empfiehlt er ihn am 6. Febr. 1816 als ,,einen ebenso vorziiglichen Englischen Ktinstler als liebenswiirdigen Menschen" seinen Freunden Brentano in Frankfurt, deren beiderseitige Gesellschaft ihm doch Stun-

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den bereitet, welche er als ,,die ihm unvergesslichsten sich gern zuriickrufe". Leider aber ward dieses 'VerMltniss durch Ganges Schweigen Neates sehr getrtibt, und selbst als Beethoven die Griinde davon, namentlich langere Krank heit erfuhr, blieb er uber Neates Unthatigkeit sehr erbost und liess ihn hart an.19

Dies und der schon am 25. Nov. 1815 nach einem Sturz vom Pferde erfolgende Tod Salomons machten es, dass bald Ferd. Bies der Hauptvermittler in den Londoner Angelegen heiten wurde, und die Briefe Beethovens an ihn sind uns fortan wieder eine Hauptquelle. 1st nun auch aus der Eeise selbst niemals etwas geworden, so bot floch die Aussicht auf eine solche Erfrischung seiner Verhaltnisse, der en sofortige Ergrei fung immer nur von ihm selbst abhing, ein wesentlich e^ leichterndes Moment fur sein Schaffen, und was bedeutsamer ist, es war fur dasselbe direct bestimmend und zwar im edelsten Sinne seiner Kunst. Denn hatte er den Englan dern, die ,,meistens ttichtige Kerle sind", schon zeigen wol len, was in dem God save the king fur ein Segen ist, so nahm er bei einem eigens fur sie zu schreibenden Werke nattirlich sogleich den hochsten Gesichtspunct, hier wo er als Kimstler mit Handel und Haydn, als Mann mit Mannern zu thiin zu haben wusste! Und nichts geringeres als die Neunte Symphonic ist es, was aus all diesen Yerabredungen und Anlaufen entstanden ist. Denn die ,,directen Bestellungen", die ihm ausser einef Academie zu seinem Vortheil vor allem willkommen waren, mussten sich fur ihn hauptsachlich auf das Gebiet beziehen, wo er jetzt fast unbestrittener Herr in Europa war, und die

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glanzende Aufnahme, die, wie er selbst aus dem Morning chronicle erfahren, im Fruhjahr 1816 eine seiner grossen Symphonien, wahrscheinlich die in Cmoll findet, lasst ihn auf den Erfolg dieser ,,seiner Weise" dort natiirlich auch am meisten Hoffiiung setzen.

Wif werden im Verlauf der Darstellung davon das Nahere horen und fahren in der Erzahlung fort.

Zunachst also finden wir ihn in diesem Fruhjahr 1815 in der schonen Briihl bei Modling, jedoch noch ,,im Lamm", also wohl nur auf einem ersten Frtihlingsausfluge. ,,Denn obschon ich vieles erlitten, habe ich doch nicht die fruhe- ren Gefuhle ftir Kindheit, fur schone Natur und Freund- schaft verloren" schreibt er am 29. [!] Febr. 1815 bei der ,,Erneuerimg der Freundschaft fur ihn" an die Grafin Er- dody und hofft sie und ihre ,,lieben Kinder, die er im Geist umarme" bald in Jedlersee zu sehen. Einstweilen sendet er ihr das Trio Op. 97. Denn vorerst fesseln ihn allerhand Geschafte an die Stadt: ,,die neuen Ereignisse machen, dass viele Werke, welche von mir im Stich er- scheinen, aufs geschwindeste befordert werden mtissen." Er erbittet zu solchem Zweck der Correctur auch vom Erz- herzog dessen Exemplar der Sonate Op. 90, die am 9. Juni dieses Jahres von Steiner & Comp. mit folgender ermuntern- den Anzeige in die Welt gesandt wird: Allen Kennern und Freunden der Tonkunst wird die Erscheinung dieser Sonate gewiss sehr willkommen sein, da nun seit mehre- ren Jahren von L. van Beethoven nichts ftir Pianoforte erschienen ist. Es bedarf dies neue Werk keiner Lobrede, da es ihm an Originalitat , Annehmlichkeit und Kunst,

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womit der geschatzteste Tonkiinstler unserer Zeit [!] seine Werke unerschopflich zu schmiicken gewohnt 1st, keines- wegs gebricht." In der nachstfolgenden Zeit erschien dann ebenfalls bei Steiner noch die ganze Serie der Opus 91 bis 100, und da gab es Geschafte genug, weil alle diese Abschrifben noch zu revidiren waren. Dazu ,,geniesst er noch immer einer nur halben Gesundheit", was ihm das ,,Dienstgeschaft" bei seinem hohen Schuler jetzt doppelt erschweren muss. Auf andere Unannehmlichkeiten deuten jene Notizen im Tagebuch dieses Fruhjahrs, die wie ein Briefconcept an die ,,K6nigin der Nacht" klingen. Dann aber war ,,sein Wille und Wunsch mit Sack und Pack" in Jedlersee zu landen, umsomehr da sich seine Natur jetzt nur mit der schonen Natur vertragen konne und er sonst keine Anstalten getroffen habe, dieser seiner unuberwind- lichen Neigung an einem andern Orte zu entsprechen. Allein ,,elende, zeitverderbende Geschafte" und ,,meine Lage ist dermalen sehr verwickelt", mit solchen Ausdriicken muss er zunachst immer noch die Sendung des Wagens ablehnen, obwohl der wiedererwachende Humor in diesem Billet auch die wiederkehrende eigene Belebung und Kraftigung andeutet, die bei Beethoven gar sehr mit dem Aufenthalt in der freien Natur verbunden und von demselben ab- hangig ist. Ebenso fallt in jene Tage die ,,nun auch ge- endigte Geschichte mit Lobkowitz". 20

Die Grafin aber liess nicht nach mit Einladungen, wie sie ihren Liebling auch mit allerhand Geschenken und Gefalligkeiten uberhaufte, sodass seine Verlegenheit immer grosser werde, wenn er daran denke wie das gut zu machen.

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So entreisst er sich denn auch endlich der Verwirrung und den uns nur zu bekannten ,,elendesten alltaglichsten unpoetischen Scenen, die ihn umgeben", nachdem er zuvor ,,bei alien Gefalligkeiten auch noch durch jene, nur auf einige Tage ein Clavier von ihr im Zimmer zu haben, das Maass seiner Unbescheidenheit voll machen muss, da ihm Schanz ein so schlechtes gescMckt habe, das er nicht hinaus- schicken moge. Doch handelte es sich hier stets nur um den Aufenthalt eines oder hochstens einiger Tage, und selbst die ,,sehnlichste Bitte der Jedlerseer Musen, dass ihr geliebter Apollo noch den heutigen Tag in ihrer Mitte zubringen moge", durfte die ,,lorbeerbekronte Majestat der erhabenen Tonkunst" nicht langer halten. Denn ,,verdriess- lich tiber vieles, empfindlicher als alle andern Menschen und mit der Pflege meines Gehors finde ich oft im Um- gange anderer Menschen nur Schmerzen", schreibt er bald darauf selbst an Brauchle, den graflichen Magister. Und dann, durfte er auch abgesehen von dem ebenfalls stets wachen innern Trieb, in seiner Lage jetzt nur einen Moment sich der Arbeit entziehen? Wir wissen aber, dass sosehr nach Goethes intimer Ausdrucksweise ,,diese gutherzigen Madchen selbst das Sttindchen abpassen, um -ihren Freunden mit immer gleicher Liebe zu begegnen", die Musen unserm Meister doch nur in tiefster Abgeschie- denheit, vor allem in der ,,stissen Stille des Waldes" zu nahen pflegten. Doch hatte er diesmal einen Ort aufge- sucht, der ihn nicht allzu weit von seinen Pflichten in der Stadt entfernte und doch der musikalischen Herzens- freundin in Jedlersee nahe sein liess, das damals noch

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ganz landliche Dobling. Wenigstens schreibt er am 24. Sept. 1815 von hier aus an Treitsehke, nachdem ein Brief an den Erzherzog noch das Datum ,,Wien am 23ten Juli 1815" gehabt hatte.21

Von den Stimmungen dieses Sommers und namentlich der eigenen innern Bediirftigkeit nun gibt diesmal die ausfuhrlichste Auskunft das Tagebuch und zwar durch eine ganze Keihe von Ausziigen aus mannigfachster Lecture wie durch eigene Seelenergtisse. Sie sind den Freunden des Meisters bereits aus der Jubilaumsfestschrift ,,Beet- hovens Brevier" bekannt.

,,Unter des Tigers Zahn hort' ich den Leidenden beten:

DankDir, Hochster, im Schmei'z, sterb' ich doch nicht in der Schuld!"

beginnen die Ausziige aus Herders Zerstreuten Blattern. Es folgt ein langes Stuck aus Z. Werners ,,Templer auf Cypern". Moralische Erhebung ist sein Inhalt, von Beet- hoven mit dem vollen Ernst eines trostverlangenden Her- zens aufgefasst. Sowie bei Klopstock nicht das tibermassige Pathos, stort ihn hier zunachst das falsche, theatralische nicht. Er nimmt die Sache mit der unbefangenen Art eigenen Suchens und Bediirfens auf, denkt sogar in jener Zeit noch ans Componiren Werners, namlich ,,furs Geist- liche", und entdeckt im ungehemmten Strome der eigenen ethischen und religiosen Erregung nicht entfernt das inner- lich Hohle und Triigerische solcher moralischen Declama- tionen. Ihnen unmittelbar folgt vielmehr ein vollig reli- gioser Erguss. ,,Was frei ist von aller Lust und Begier, das ist der Machtige, Er allein" etc. beginnt es und stei- gert sich zu personlichster Hinwendung in den Worten:

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,,0 leite meinen Geist, o hebe ihn aus dieser sckweren Tiefe". Ja das Herz 1st ihm so erftillt von diesen Be- trachtungen und Erhebungen, dass sie ihm zum directen Anruf an sich selbst werden. ,,Aus Gott floss alles rein und lauter aus" heisst es; ,,ward ich naclimals durch Leidenschaft zum Bosen verdunkelt, kehrte ich nach viel- facher Besserung und Keinigung zur ersten erhabenen rei-

nen Quelle, zur Gottheit zuriick, und zu Deiner

Kunst. Kein Eigennutz beseele dich dabei, so sei es jeder Zeit." Endlich naht sich ihm die sinnenhafte Vorstellung des ,,Allmachtigen, Ewigen, Unendlichen" in folgenden Wor- ten: ,,Gehullt in Schatten ewiger Einsamkeit, undurch- dringlich, unzuganglich, unermesslich, gestaltlosausgebreitet. Ehe Geister waren eingehaucht, war nur sein Geist, wie sterbliche Augen, um Endliches zu vergleichen mit Un- endlichem, in lichte Spiegel schauen". Und wie tief sein Dasein bei diesen Erbauungen betheiligt war, verrath die unmittelbar folgende Stelle: ,,Ein Bauerngut, dann entfliehst du deinem Elend!" Er bedurfte ihrer eben in dem Drange seiner Lage, wie wir sie oben kennen gelernt haben, wo obendrein sein bezeichnender Ausruf lautete: ,,Sein Leben ist ihm sehr lieb, so wie ich das meinige gern verlohre!" Seine eigenste Erbauung und Trostung aber war ihm eben dennoch stets die Kunst. ,,Mcht Frag en, Thaten sollst du spenden!" und ,,Das hohe Gut der Selbstvollen- dung im Erschaffen suchen!", das ist der Beruf eines Ktinst- lers, dem sein Thun Offenbarung und also ebenfalls ein Gottes-Dienst ist. Und die Uebung desselben fiihrt ihn auch immer am sichersten wieder zu sich selbst. ,,Zugleich

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spreche ich Ihnen nun selbst Trost zu; wir Endliche mit dem unendlichen Geist sind nur zu Leiden und Freude geboren und beinah konnte man sagen, die ausgezeichnet- sten erhalten durch Leiden Freude" lautet sein Aus- spruch gegen die Grafin aus ,,Wien am 19. Weinmonath 1815". Ein Manuscript Schottischer Lieder der Berliner Bibliothek aber, datirt ,,1815 den 23ten Weinmonath", ent- halt ein Allegretto risoluto ohne Sorgen, einer der alle Sorgen weit wegwirft". Es waren gegen Ende Juli und anfangs August die beiden Cellosonaten Op. 102 fertig geworden, iiber die also zunachst Einiges zu sagen ist. 22

Die ,,freye Sonate" Nr. 1 zeigt in dem ,,risoluto", das als Kefrain gewissermassen den Character des ganzen 1. Satzes abschliessend aufdeckt, jenen kraftigen Act der Selbstiiberwindung und mannlichen Entschlossenheit, nach- dem schon in der 6/8 Einleitung (dolce contabile) eine sanffc beruhigte Stimmung sich kundgegeben, die das Eesultat eigener Sammlung der Geister zu erneutem Erkennen des Zwecks unserer Existenz, gewissermassen die wiedergewon- nene innere Unschuld ist. Selbst nach dem Adagio, das in dem anmuthig weiten Aufschwung der melodischen Linie die voile wiedergefundene Kune auszusprechen scheint, muss jene Sammlung noch einmal stattfinden: es steigt die innere Noth in grossen Dissonanzschritten durch die Wei- ten des Empfindungslebens , und ein energisches person- liches Bedlirfen ist es, was hier so alle hergebrachte Form durchbricht oder vielmehr das logische und sogar frei psychologische W^esen, das der Sonatenform in der Tiefe zu Grunde liegt, ungestort um Kegel und Herkommen frei

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hervorbrechen lasst. Erst dann tritt (im Finale) wieder Ausgleichung der innern Spannung und frischer Lebens- trieb ein.

Und als wenn dieser jetzt Herr geblieben, setzt die zweite Senate sofort mit dem rollenden Schlussmotiv dieses heiter freien- Finales ein und ktindet in kraftigem EmporscMtt und wie mit Fanfaren den fest beharrenden Entschluss Herr zu bleiben an, der dann auch durch krau- sestes Durcheinander des Lebens sicher bei sich und seinen Zwecken bleibt. Und wahrhaft Wonne singt das rein me- lodische 2. Thema, wie nur je Wonne gesungen worden ist, wenn das Herz sich selbst wieder gefunden. Ein Ausdruck reinster Lebensfreude, das der Zukunft der Kunst nicht verloren gegangen! Allein Dissonanzen herbster Art er- fullen die kleine Durchfuhrungspartie, so kurz wie deutlich redend und bezeichnend, und die breite Harmoniefolge des Schlusses ist wie ein femes Erinnern, wie Sinnen uber die dunklen Tiefen des Lebens. Das folgende Adagio nb. con molto sentimento d'affettc ruffc wie des Volkes Seele im Choral trotz allem wieder direct an: ,,0 leite meinen Geist, o hebe ihn aus dieser schweren Tiefe!" Und nicht bios Erinnerung der Noth und Aufschauen zu den Hohen, wo sie allein sich lindert, ist esj, sondern ganz leiblich und per-, sonlich bedurftes Beten, ja Hinaufflehen des schmerzlich zuckenden allermenschlichsten Innern. ,,Was muss dieser Mann empfunden haben als er dieses schrieb", horte Karl Holz den alten ,,zeitlebens nach Beethovens Muse scheel sehenden" Gyrowetz mit hellen Thranen im Auge sagen, als das Adagio der Cmollsymphonie gespielt ward. Dass

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aber in dem Adagio dieser Senate Op. 102 II. trotz von aussen entnommener Form zu einer solchen Vermutnung ungleich mehr Grund ist als bei aller Schonheit und Energie dort und die eigene innere Bedrangung zunachst nur die entsprechende Ausdrucksweise hernahm wo sie sie fand, urn dann ganz auch ihre eigenste Kedeweise dafiir zu finden, sagt uns das was diesem vierstimmigen Liedsatz von vier Strophen folgt. Es schreien unter Begleitimg eines hochst energisch widerstrebenden Basses formlich der Noth mannigfache Drangungen in Dissonanzen auf, wie sie nur irgend die eigensten Ergtisse von Beethovens Innerm aufweisen. Und die Gipfelung des Schmerzes, ein wahrer Angstschrei der in der Noth des Leidens fast sich selbst entfremdeten Natur, kann nur durch stufenweises Siehaufthurmen der wecliselnden Strebungen und Ke- gungen des in sich selbst gestorten Innern erfolgen. Wobei sich das gegenseitige Aufnehmen, Heben und Beantworten der Motive durch die 2 Instrumente, das die ganzen beiden Werke und zwar weit liber den bisherigen vorwiegend bios concertirenden Styl hinaus charakterisirt, so recht nach seiner vollen Bedeutung und eindringlichen Art zeigt! Dem zweitmaligen noch starkeren Auffcreten jenes hoch- sten Momentes nach dem an den alten Vater Kocco erin- nernden Durmotiv, das schon die Entladung und Befreiung angekimdigt, folgt nun auch diese unmittelbar und zwar in so vollstandiger Weise, dass es wie himmlische Ver- sohnung klingt, der die Thrane nur noch als nachzitternde Erinnerung an der Wimper hangt. Das mit dieser Em- pfindung eingeleitete Allegretto fugato zeigt schon nach

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seinem kiihn aufstrebenden Thema den befreit ins Leben Entlassenen auch sogleich wieder in der vollen Energie thatig schaffender Kraft. Mit freien Schritten in den Grundintervallen der Tonart wird der Eaum unserer Tha- tigkeiten durchmessen, und der letzte Schluss bestatigt mit seiner kraftig rauh durch die Sturme des Lebens sich durchschlagenden schwertscharfen Willensenergie den Cha- rakter des ganzen Finales. Es ist ein echt Beethovensches Stiick kernhaffcer Affirmation, zuversichtlichsten Glaubens *an sich, an das Leben, kurz und fest Mngestellt und sicher behauptet!

So muss uns naher zugesehen auch dies ganze kleine Werk wieder als ein herrliches Gedicht der eigenen Seele des Componisten erscheinen, uncl 'man sieht, indem derselbe mehr und mehr in das, als was er sich selbst bei diesem Thun fuhlt, in den ,,Dichter" tibergeht, hier auch den Mechanismus der Form mehr und mehr zum Organismus des Lebens werclen. Die urspriinglichen Lebenskeime dieser reinen Instrumentalform sind aufgefunden, es wird frei aus dem Geist und eigenen Innern heraus gearbeitet, und solche Arbeit macht frei, sie stammt aus dem Schaffen des Ewi- gen selbst und lasst daher an seinem erhabenen Gleich- muth und Kuhigsein theilnehmen. 23

Bemerkenswerther muss uns aber dennoch hier die ebenfalls in diesem Jahre vollendete Sonate Op. 101 er- scheinen, sie ist in noch hoherem und mehr bewusstem Sinn eine ,,freie". ,,Traumerische Empfindungen" habe Beethoven selbst den 1. und 3. Satz derselben genannt, als er den kimstlerisch gebildeten Dilettanten Stainer von

No hi, Beetb ovens letzte Jahre. 5

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Felsburg fur Linkes Conzert am 18. Febr. 1816 in das poesiereicbe Werk personlicb emgefiibrt babe, sagt Schindler. Wirklich entbalt dies* seelenvolle Allegretto ma non troppo, das vermutblicb beim Druck zugleich mit ,,Etwas lebhaft und mit der innigsten Empfindung" iiberscbtieben ward, alles was von zarter Bewegung und Fiigung in barmoni- scher und rbytbmiscber Hinsicht damals in Beethovens Innern zur Freibeit gedieben war. Dem fast nervos weicb sicb scbiebenden harmoniscben Wesen muss sogar der Ebytbmus sicb beugen und in zuckenden Syncopen scbliess- licb den Hobepunct scbmerzlicber Wonne aussprecben, nacbdem in dem ,,espressivo e semplice" nur Scbeinruhe eingetreten war. ,,Wenn unter der scbweren Wimper die scbwellende Tbrane lauert, widersetze dicb mit festem Mutbe (ibrem erst en Bemiihen bervorzubreeben" stebt im Tagebucbe dieses Sommers 1815. Das scbmerzlicb Siisseste barmoniscb-melodiscber Folge aber ist das sanft aufstei- gend dabingleitende kleine Uebergangsstiick , das offenbar in bestimmtester Absicbt mit ,,molto espressivo" bezeicb- net [ist. Hier liegen die Goldfaden offen am Tage, aus denen spatere dicbteriscb-musikaliscbe Pbantasie das Wun- dergebilde innigsten Gesanges, sicb selbst vernicbtend klagende Sebnsucbt der Liebe oder was sonst den Men- scben tiefinnen beseelt, gewoben bat. Wie denn iiberbaupt dieser Satz ,,Kern melodiscber Wissenscbaft" fur alle kunst- leriscbe Gegenwart geworden ist!

Der z,weite Satz ist wie ein fein gezeicbnetes ;Con- trefey einer tiberlebten Zeit. ,,Marscb alia fuga fur den P. Eugen" saben wir Orcbesterskizzen jener Tage liber-

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schrieben, von deren Ausfuhrung sich aber nirgends etwas findet. Sollte wirklich des Meisters Phantasie sich an dem frischen volksthiimlichen Helden der Zopfzeit entziindet und dann wenigstens in dem engen Kahmen des Claviers versucht haben, was sich selbst in so widerstrebendem Stoffe Freies und Charakteristisches schaffen lasse? Wir erlebten schon einmal (ob. II. 385) ein solches Kunststiick der musikalischen Ironie, und es entspricht dies ganz dem Beethovenschen Humor wie der Souveranetat seines Kon- nens. Von ,,alla fuga" ist nun freilich hier nicht die Eede undi daher auch nur ,,Vivace alia marcia" gesagt. rAllein canonische Imitation bis zur vollen Vierstimmigkeit ist der gar sonderbare Charakter dieses Marsches, und das fein gezeichnete Trio geht gar fleissig auch in die strengste Schule. Das Ganze ist ebenfalls durch feinste harmonische Farbung charakteristisch, und solche Chromatik ist selbst bei Beethoven vorher nur sehr vereinzelt zu finden. Da- bei wird das ,,Mi contra fa est diabolus in musica" wenig- stens nach Seite des gemeinen Querstandsverbotes wie ge- flissentlich verletzt, als wolle man in einem solchen Zopf- gemalde die Zopfe der eigenen Kunst, mit denen ja der Hader nie aufhorte, nach Moglichkeit verspotten. Und Freund Tobias (Haslinger), der diese Senate erwarb und im Bewusstsein ,,sich selbst ebenfalls der Einbildungskraft mehrmals bedient| zu haben" , hier oder auch bei andern Werken wohl gar dem Meister das Exercitium zu corri- giren den kiihnen Versuch machte, mag ebendaher sich den Namen ,,Diabolus" erworben haben, wahrend der Meister selbst ruhig selbstbewusst ,,Contra Fa m. p." unterzeichnet.

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Das Adagio ma non troppo con affetto hat Beethoven iibersetzt ,,langsam und sehnsuchtsvoll", und das ,,Sul una corda" legt einen Schleier iiber das Ganze, der die innere Bewegung zart verhtillt und das sehnende Hinaufgreifen der Melodie wohlthuend dampft, - - im wesentlichen die Stimmung des 1. Satzes, die Melancholic des tiberreichen Lebensgefuhles. Es ist das erste Mai, dass jenes Aus- .drucksmittel von Beethoven gebraucht wird. Das chro- matische Hinabsteigen des Hauptmotivs auf der Folge auf- nnd abwogender verminderten Septimenaccorde ist hier von ausserordentlicher Schonheit, und wahrhaft beseligt senkt die Empfindung sich allmalig ganz auf den Domi- nantaccord nieder. Die innere Sammlung bringt in ahn- licher doch mehr bios erinnerungshafter Weise wie bei Op. 102 I. und spater im grossten Style bei der Neunten Symphonic den Ausgangspunct der ganzen Bewegung wieder, und mit ,,Geschwinde doch nicht zu sehr lund mit Ent- schlossenheit" tritt das Allegretto ein: man ist eben wieder bei sich und wird nothigenfalls zur energischesten Action tibergehen. Das Gefuhl des Lebens und Konnens wogt hin und wieder und erzeugt lieblichste Bilder des Spielens der Kraft mit sich selbst. Mit ,,dolce" tritt eine anmuthige kleine Imitation ein, und ein kurzer bestimmter Horngang bestatigt dies erneute Bewusstsein der Uebereinstimmung mit sich selbst. Die lange und kriiftige imitatorische Durchfuhrungspartie, in Hauptpuncten an die Weise der geharnischten Manner in der Zauberflote anlehnend, bewahrt die neugewonnene innere Sicherheit auch in solchem rein fqrmellen Spiel der logisch-intellectuellen Thatigkeit

unseres Geistes, es 1st etwas von dem niichternen Welt- erstande darin, wie er uns selbst innen wieder zu Ver- nd imd Ordniing bringt. Das Dolce poco espressivo nnert dann aber doch wieder daran, dass nur in der ncretion des Individuums, im Pulsschlag des einzelnsten erzens wahrhaft Leben und zugleich Heil auf Erden ge- boreh wird. Es ist ein fein geschliffener Diamant, dieses Op. 101, aber ans der innersten Lebensgluth der eigenen Natur hervorgegangen und von sehr merkbarer psycholo- gischer Grundanlage, daher auch so recht von innen heraus leuchtend. 24

,,Meeresstille und gliickliche Fahrt" ward . ebenfalls in diesem Sommer und Herbst fertig und bereits am 25. Dezember in Wien 'offentlich aufgefuhrt. Die ,,ausserste Stille", womifr er die ersten Tacte dieses Werkes ausgefuhrt wissen wollte, entsprach dem Harren seines eigenen Innern auf Erlosung aus der imgehetiren Oede, die ihn im wirklichen Leben mehf und mehr umstarrte, und ,,die Nebel zerreissen, der Himmel wird helle", das war ja bei dem ,,hoh.en Muth, der ihn oft in den schonen Sommertagen beseelte" seine neubegliickende Hoifnung. Hier stimmt er mit dem etMschen Empfinden des Dich- ters aufs natMichste und schonste zusammen, daher auch die tiberaus innerlich frische und heiter belebte kleine Composition, wie wir (ob. II. 549) horten, ,,dem Verfasser der Gedichte, dem unsterblichen Goethe" gewidmet ward. Aber auch geringere und sogar ganz geringfiigige poe- tische Anrufe setzen sein Inneres in schwingende Bewe- gung und rtihren die Abgrundstiefe seines Schauens und

Empfindens auf, die wie der dnnkle Gebarungsschoos der Mutter Natur selbst 1st. Und wenn auch dabei das S. 43 erwahnte kleine Liedchen von Wessenberg ,,Das Geheim- niss", namlich dass nicht die Muse, sondern nur ,,dein Innerstes" dir kund thun konne, ,,wo das Blumchen blunt, das nie verbliiht", nicht viel gilt und auch ,,Die Sahn- sucht" aus Keissigs ,,Blumchen der Einsamkeit" nur elnen um weniges tieferen Ton aus jenem ,,Innerstenu anschlagt, so strahlt doch der ebenfalls in diesem Halbjahr 1815/16 zugleich mit dem P. Eugen-Marsch ersonnene Liederkreis ,,An die feme Geliebte" von Jeitteles wieder wajir- haft frische Lebenslust und verrath ein Herz, das trotz dem jtingsten in freudiger Kegung schlagt. Ob das ,,Auf dem Hugel sitz1 ich spahend in das blaue Nebelland" sehn- suchtsvolle Erinnerung eigenen Gliicks bedeutet ,,leider habe ich keine, ich fand nur Eine, die ich wohl nie be- sitzen !werde" schreibt er am 8. Marz 1816, also nicht lange vor Yollendung des Werkes an Eies, - - ob die den Goetheschen mit Geschick nachgebildeten Verse, die nicht ohne anmuthende Stimmung sind, hier zum Impuls gentig- ten, wir wissen es nicht. Doch sagt Schindler (II. 156), Beethoven habe dem Dichter die Ehre erwiesen , durch einen Brief ihm fur solchen Impuls zu gllicklichem Schaf- fen zu danken. Das Werkchen selbst ist wie Sonne und Soinmer und das Sehnen darnach in der Oede des Winters, siegendes Licht, jubelndes Wiedererstehen der Natur, ein einziger gliicklicher Fruhlingstag! ,,1816 im Monat April" steht auf dem Originalmanuscript. 25

Dass es nothwendig war, so stets im eigenen Schaffen

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das Gliick zu suchen, wissen wir von diesem Winter, wo das Leid mit dem Neffen seinen Anfang nahm. Wir ha- ben diese Vorgange . vorerst wieder kurz zu beriihren.

Am 15. Nov. 1815 also war der Bruder gestorben. ,,Schon seit gestern nachmittag liege ich erschopft von den Anstrengungen, verursacht durch den so geschwinden Tod meines ungliicklichen Bruders", schreibt er in diesen Tagen an den Erzherzog, und wir horen, dass sogar schon seit " dem 15. October ein ,,Entzundungskatarrh" ihn befallen, dessen Folgen bis ins voile Frtihjahr 1816 fortwirkten. ,,Der Arme hatte sicli in seinen letzten Jahren sehr gean-

o

dert", heisst es am 22. Nov. gegen Ries, und im Tage- bucli aus diesem Winter steht: ,,0 sieh herab, Bruder, ja ich habe dich beweint und beweine dich noch, o warum warst du nicht aufriclitiger gegen mich, du lebtest noch und warest gewiss so elendiglich nicht umgekommen, hat- test du dich fruher entfernt und mir ganz ge-

naht." Denn ,,es ist am mehrsten hinderlich von Anderen zu erlangen, wenn man als ein Liigner erscheint", steht ebenda unmittelbar vorher. Dazu kam die Erbschaftsregu- lirung. Es war zwar, von der Mutter her, ein Haus nach gerichtlicher Schatzung vom 22. April 1816 im Werth von 16,000 Fl. W. W. .da, aber die Schulden betrugen mehr, und so trat die Wittwe am 13. Dez. 1815 die Erbschaft mit dem bpneficium inventarii an. Bei diesen Yerhalt- nissen nun hatte Beethoven durch mehrere Jahre unsag- lichen Aerger, sowohl durch die Habgier und Intrigue der Frau, selbst, wie durch die Kucksichtslosigkeiten des Ver- lassenschaffcscurators Dr. Schonauer, durch dessen blosse

Namensnennung er bei Giannatasio einmal - - im Fruhling 1816, als er,, Die entfernte Geliebte" brachte -- ,,nachdem er recht heiter gewesen war, plotzlich still und verstimmt wurde". Es kam spater zu einem Vergleich, bei welchem nach Beethovens Grossmuth natiirlich trotz allem das ,,schlechte Weib" den Lowenantheil bekam. Fur die nach- sten zwei Jahre aber wahrte der Aerger fort.

So verstehen wir doppelt gut das Wort gegen Eies am 28. Febr. 1816: ,,Der Tod meines Bruders wirkte auf mein Gemiith und auf meine Werke". Von Intention neiier Schopfungen horen wir auch zunachst nichts, obwohl mancher Anlass dazu vorhanden war. Am 31. Jan. 1815 schon hatte ihm der preuss. Keg.-Rath Sack ein Oratorium ,,das Weltgericht" angeboten, im Marz sendete Amenda den Operntext ,,Bacchusu von seinem Freunde Berge und freut sich schon, wie Beethoven bei so manchen schonen Situationen von der ihm eigenen Zartheit und Kraft tiber- stromen werde etc. Gegen Dr. Bursy ausserte dieser sich denn auch im nachsten Frlihjahr, der Text sei recht gut, bis jetzt habe ihm aber seine Krankheit noch nicht eine solche* Arbeit erlaubt, er habe iiberhaupt ,,seit lange nichts Neues componirt". Am 24. Sept. schreibt er von Dobling aus an Treitschke wegen des ob. II. 450 erwahnten ,,Romulus". Am 9. Novbr. 1815 aber tragt ihm die ,,Gesellschaft der Musikfreunde" in Wien ein Oratorium an und Beethoven verspricht nach 2 Monaten ,,sich des sehr ehrenvollen Auf- trags, so sehr als es ihm immer seine schwachen Krafte erlauben, so wiirdig als moglich zu entledigen!" Das Ge- dicht sei von Seyfried schon angefangen. Der Preis sollte

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tO Due. sein. Es ward Jahre lang dariiber verhandelt. ir werden davon noch oftmals horen. In der gleichen Zeit erfahrt Beethoven den Enthusias- ms, den die Milder-Hauptmann mit Fidelio bei den irlinern erregt, und es musste ihn dies urn so angenehmer >eriihren, als kurz zuvor bei erneuter Vorflihnmg der Oper Wien mit Mad. Campi ,,fast unerklarbar die Aufnahme )hr kalt, auch das Hans bei weitem nicht zur Hatfte ge- illt" gewesen war.26

,,Wenn Sie den Baron de la Motte-Fouque in meinem Namen bitten wollten, ein grosses Opernsujet zu erfmden, welches a^ueh fur Sie passend ware, da wiirden Sie sich ein grosses Verdienst um mich und um Deutschlands Theater erwerben", schreibt er der Milder am 6. Jan., ,,nur antworten Sie bald, damit ich mich mit meinen iibrigen Schreibereien darnach richten kann." Am 9. Jan. also er- theilten ihm die k. k. Landrechte die Yormundschaft mit Ausschluss der Wittwe und gaben ihm, wie er selbst schreibt, ,,volle Gewalt und Kraft, alles ohne Kiicksichten zu beseitigen, was wider das Wohl des Kindes 1st". Doch ging jetzt die Noth erst recht an. Die Wittwe sann Eache, spann Intrigue iiber Intrigue. Sie verbreitete, obwohl ,,im Rathe nur Eine Stimme" tiber ihre Ausschliessung gewe- sen, dieselbe sei ,,erschlichen", was Beethoven, der in sol- chen Dingen ,,viel auf die Meinung der Menschen gab", wieder sehr beunruhigte. Sie suchte mit unermtidlicher Consequenz zu dem Knaben zu dringen, sodass nach den Landesgerichtsacten Giannatasio ihr schon am 8. Marz jeden Besuch des Instituts schriftlich untersagen -muss.

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,,Alle meine durehdachten Plane fur das Wohl des Kindes wurden hierdurch schon einigermassen gestort", schreibt Beethoven und doch fiihlt er zu gut, sie 1st immer die Mutter! Es kostet jhm heroischen Entschluss in all die- sen Verhaltnissen fest durchzugreifen. Solche Kummer- nisse und die Sorgen ,,in diesen schrecklichen Zeitverhalt- nissen, welche noch alles Ueberlebte ubertreffen", verhin- dern denn auch seine korperliche Wiederherstellung, und so bringt das Tagebuch dieses Friihjahrs wieder bezeich- nende Ausrufe seiner innern Bedrangniss.

,,Der mit einem Uebel behaftet ist, welches er nicht andern kann, sondern welches nach und nach ihn dem Tode naher bringt und ohne welches sein Leben langer gedauert hatte, muss denken, dass er auch so durch tMord oder andere Ursachen hatte noch geschwinder umkommen konnen", trostet er sich naiv genug; ,,o glticklich wer nur fur - " sich selbst zu sorgen hat, denkt er vielleicht

jetzt, wo statt der ,,siissen Sorgen" ihm fast nur Bitter- nisse erbliihen. Denn schlimm muss es wieder zugegangen sein, wenn da steht: ,,Zeige deine Gewalt, Schicksal! wir sind nicht Herren tiber uns selbst, was beschlossen ist, muss sein, und so sei es denn!" Es folgt die Notiz: ,,Canon aus der Odyssee", wie ihm Homer sooft Heifer in der Tagesnoth war. ,,Alle Abends und in der Froihe im Verein mit K. trotz meinem armen [Gehor?]" heisst es darauf, und nach einer Verfugung liber die Yeroffentlichung neuer Werke, die auch in den Briefen dieses Fruhjahrs haufig vorkommt, namlich den Tag der Herausgabe selbst zu bestimmen, kommt der trostliche Zuruf: ,,Ertragung -

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Ergebung - - Ergebung, so gewinnen wir noch beim hoch- sten Elend und machen uns wiirdig, dass Gott unsere Fehler - ". Nach jener oben II. 529 mitgetheilten franz. Stelle steht dann jener wahre Aufschrei aus innerster Seele, der auch der Yater der spateren ,,grossen Werke" ward: ,,K. betrachtest du als dein eigenes Kind, alle Schwa tze- reien, alle Kleinigkeiten aclite nicht uber diesem heiligen Zweck. Hart 1st der Zustand jetzt fiir dich, doch der droben, o er 1st, ohne ihn 1st nichts! "

Auch dass er jetzt ,,wenigstens 3 Malil in der Woche das Gllick haben konnte, S. K. H. wieder aufwarten zu konnen" gehort zu den Freuden einer Existenz, die nur fur ,,Schuster, Schneider und Metzger" zu arbeiten hatte. ,,Sie wissen es schon!" horten wir ihn oben gegen Ries ausrufen, und wenn auch etwas iibertrieben ausgedruckt, ist es doch Wahrheit und gehort mit an den Kranz all dieser Nothe und Win-en, wenn er im Jahre 1818 diesem friiheren Schtiler liber seinen jetzigen schreibt: ,,Durch meine ungliickliche Yerbindung mit diesem Erzherzog bin ich beinahe an den Bettelstab gebracht!" Wie hat man nur je annehmen konnen, dass in dieser Yerbindung ,,beide Theile einander unentbehrlich geworden waren" und gar dass in dieser spateren Zeit ,,der Ueberschuss des Gewah- rens" auf Seite des Erzherzogs lag? Gewiss war der Prinz eine gemuthvoll wohlwollende Natur und hatte auch namentlich fur seinen Freund und Lehrer eine Empfindung, die vielleicht jede andere ftir Menschen tiberwog. Allein: ,,ich fragte ihn einmal, ob dieser gut spiele? - Wenn er bei Kraften. ist! war die mit Lachen begleitete Ant-

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wort", erzahlt Fraulein del Eio, nnd ein Titane, der sick so wohl bewusst war, dass seine Aufgabe laute: mora- lische Vervollkommnung seines Gesclilechts, ein solcher sollte nicht im Innersten eine Storung dieser seiner Arbeit durch eine derartige Verbindung empfunden haben? Es ge- horte die Kraft eines Lebens zu dieser Arbeit, er hatte in dem vollen Bewusstsein, dass nur er sie hier zu thun vermoge, ihr sein Leben gewidmet, und er sollte jetzt thun, was im Grunde jeder andere Musiker auch leisten konnte, einem Prinzen, dem das Componiren allerdings eine reclit eifrig ernste Beschaftigung war, so oft es demselben beliebte, das Exercitium corrigiren! Wahrlich nur volliger Un- begriff von der Kunst und ihren Aufgaben, sowie solche als ,,moralischen Fortschritt" Beethoven fasste, kann hier den Unterschied nicht erkennen. Beethoven spendete, was ihm nicht zu ersetzen war und obendrein durch soviel trube Verhaltnisse von Jahr zu Jahr mehr geschmalert wurde, Zeit und Kraft zu Werken, die, wir wissen es doch wahr- lich heute, ausser ihm in der Kunst damals niemals wirkte noch wirken konnte. Der Erzherzog bot, was materiell jeder Andere hatte bieten konnen, und ausserdem in nicht zu hohem Masse, - - jahrlich ganze 600 PL = 400 Thlr. Dankenswerth genug und ihm selbst nicht zu vergessen! Glaubt man aber etwa ferner, er habe Beethovens Muse wirklich so viel hoher zu wtirdigen vermocht als Andere jener Zeit? ,,M6ge er nur leben, bis das gewaltige und erhabene Eathsel, das in seinem Geiste ruht, zu seiner Vollendung herangereift ist! Dann lasst er den Schltissel zu einer himmlischen Erkenntniss in unsern Handen, die

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uns der wahren Seligkeit um eine Stufe naher rtickt", so wagte schon 1810 Bettina liber Beethoven einem Goethe zuzurufen, und ein solcher Mann sollte Musse zu Allotrien haben? Yielleicht berichtigt unsere getreue Darstellung dessen, was dieser Kiinstler zugleich an Lebenspflichten zu erfiillen und an Opfern zu bringen hatte, die triviale Herabziehung und schwachlich devote Auffassung, die bei Berlihrung dieses Yerhaltnisses hervorgetreten sind. Auch werden wir im Lauf der Erzahlung die innere Unnatur desselben von selbst ans Licht treten sehen, leider nicht ohne dass auch Beethoven dabei zuweilen zu der fatalen Eolle verurtheilt erschiene, seinem besseren Bewirsstsein den Mantel fremder Yeneration umzuhangen. Es gehort auch dieses Yerhaltniss, soviel dariiber gefabelt worden, im Grunde nicht zu den erquicklichen und gewiss nicht zu den erhebenden in Beethovens Leben, und wir werden trotz aller gutherzigen Selbsttiberwindung auch bei ihm selbst noch oft genug darob den kraftigsten Ingrimm aus- brechen sehen.27

Das ist es, was wir von den Ursachen wissen, warum ausser ,,Schottischen Liedern", wie deren Manuscripte in Berlin und Petersburg das Datum vom Marz 1816 tragen, solange ,,nichts neues componirt" worden war. Allerdings zeigt Steiner am 22. April dieses Jahres in gezierter Yerlegerweise das Lied ,,An die Hoffnung" mit den Wor- ten an: ,,Unser unerschopflicher Hr. van Beethoven hat diese gemuthvolle Dichtung Tiedge's mit einem Eecitative eingeleitet, das Gedicht zart und warm ganzlich durch- componirt, vortrefflich wiedergegeben; das Werkchen ist

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eine der neuesten Arbeiten dieses Ktinstlers imd die Er- scheinung wird gewiss alien zartfuhlenden Seelen selir er- freulich sein". Und der Florestansanger Franz Wild erzahlt, Beethoven habe durch den Vortrag der Adelaide zufrieden- gestellt fur ihn die Cantate an die Hoffnung geschrieben, welche er dann, von dem Componisten selbst accompagnirt in einer Matinee vor einer gewahlten Gesellschaft (am 25. April) gesungen habe. Es wird alber nach ihrem mehr theatralischen Pathos als nattirlich wahren dramatischen Ausdruck zu urtheilen, diese zweite Bearbeitung des Liedes, die der Fiirstin Kinsky gewidmet ist, wohl schon in friihere Zeit, etwa'ins Jahr 1809 oder 181p fallen. Keinenfalls gehort sie zu Beethovens ,,grossen Werken".

Gewiss aber ist, dass der erwachende Frtihling auch seine Productionskraft wieder belebte. Am 1. Mai 1816 spricht er ,,seinem lieben werthen liebevollen Kanka" von dem ,,Entziindimgskatharu des Winters, an dessen Folgen er und auch seine Kunst noch leide: ,,doch ist zu hoffen, dass es nach und nach besser wird und ich wenigstens in meinem kleinen Eeich der Tone mich wieder reich zeigen kann." Und Fraulein del Eio erzahlt von der Zeit, da er ihnen seine herrliche Composition An die Hoffiaung gebracht habe: ,,Einmal kam er im Fruhling, brachte uns Yeilchen mit den Worten: ich bringe Ihnen den Fruhling. Er war einige Zeit sehr unwohl gewesen (er litt ofter an Kolik) und sagte: Das wird einmal mein Ende sein! Da rief ich ihm zu: Das wollen wir noch lange hinausschieben! Da erwiderte er: Ein schlechter Mann, der nicht zu sterben weiss, ich wusste es schon als

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.n J^nabe von 15 Jahren, freilich fifr die Kunst habe ich noch wenig gethan! 0 deswegen konnen Sie keck sterben! sagte ich. Da antwortete er so vor sich hin: Mir schweben ganz andere Dinge vor".

Wir nahen uns jetzt diesen ,,anderen Dingen", mit

.enen Beethoven denn auch wohl iiber die Granzen seiner Kunst hinaus etwas ,,gethan". Doch auch die Sonaten Op. 101 und 102 wehen uns wie ein Hauch aus dieser hoheren Welt an, ihm selbst aber waren sie wie freundliche Sterne, die in das Dunkel seines Lebens hineinleuchteten und neue Hoffhung gaben, das Ziel selbst zu erreichen.82

Drittes Kapitel.

Die drangvollen Umstande.

1816 17.

Die gleichen unerquicklichen Bilder und Situationen, die scheinbar mit dem Sein und Schaffen Beethoven nichts zu thun haben und doch damit in so tiefem Zusammenhang stehen, weil sie an ihm selbst das Dauernde und Mensch- liche hervortreiben! Nur werden die Tinten dunkler, die Wirren wirrer. Zur gegebenen Art des Naturells und ausseren Lebensfiigung tritt hinundwieder driickend eigenes Fehlen. Momentane Unbesonnenheit und hartkopfige Lei- denscnaffclichkeit, die Mitgift aus der niederdeutschen Hei- mat, bringen die Faden des Gespinnstes nur krauser durch- einander, und das Bewusstsein eigener Menschlichkeit hemmt wirksames Durchgreifen im entscheidenden Moment. Das Lebensdunkel nimmt im ganzen merklich zu. Doch gebiert sich eben aus solcher tiefsten Nacht das Licht eines hoheren Tages. ,,Seine Gemiithsmannigfaltigkeit ist unermesslich, seine Tone verkiinden immer eine nie empfun- dene, nie genossene Wonne, das Ueberirdische oder Unter- irdische wird an den irdischen Klang gekniipft und stets

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erscheint er neu und unerschopflich", solche ,,Gedanken tiber Beethovens Musik" hatte schon in dem soeben iiber- schauten Jahre 1815 der Leipziger Professor Th. A. Wendt bei Betrachtung des Fidelio und der Eroica, und- Beethoven empfahl diese Nummern der A. M. Z. dem ,,Mahrischen Schadel" Schindler mit den Worten: ,,Es 1st viel Weisheit, aber auch viel Schulverstand darin".

In welches Tannendiister unser alter Dionysosdiener sich diesmal verlor, als die steigende Sonne ihm endlich erlaubte, sich den Mutterbriisten der Natur und damit der eigenen inneren Welt wieder ganz zu nahen? Aerger- niss und Lebensekel waren genug vorhanden, um ihn sobald i wie moglich aus dieser tiberall beschrankenden Enge der '•• Stadt in die Weite der Natur zu treiben. Doch vernahmen !• wir schon, dass trotz allem der gepeinigte Timoti sich auch wieder offentlich hatte sehen lassen. Am 25. Dez. 1815 also war die erste Auffuhrung' von ,,Meeresstille und gliickliche Fahrt" sowie der Ouvertiire ,,zur Namensfeier" gewesen und zwar unter Beethovens eigener Leitung. Am 11. Febr. 1816 gab Schuppanzigh, der nebst seinen 3 Col- i legen in Folge des Palaisbrandes von Rasumowsky ent- lassen worden, sein'Abschiedsconcert, ebenfalls durchaus mit Werken des Meisters, dem er seinen besten Euhm verdankte: Quartett Op. 59 III, Pianofortequintett Op. 16 und dann ,,das schone und beliebte, durchaus grossartige" Septett. ,,Hr. ^an Beethoven war zugegen und schien sehr zufrieden", referirt die Wiener Modenzeitung vom 22. Febr. Allein hinter den Coulissen erhielt K. Czerny in Gegen- wart der begleitenden Musiker strenge Zurechtweisung,

No hi, Beethovens letzte Jahre. 6

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well er sicli Aenderungen wie Erschwerung der Passa- gen etc. erlaubt hatte. Beethoven entschuldigte sich dann andern Tags wegen seines ,,Herausplatzens" und versprach es im darauf folgenden Linke'schen Concert (am 18. Febr.) bei der Violonzellsonate Op. 69 ,,laut wieder gut zu machen". Hier wurde also auch die Sonate Op. 101 zuerst offentlich. vorgetragen, und diesmal scheint eben Beethoven wirklich : sehr zufrieden gewesen zu sein. Hatte er doch dem Spie- \ ler die Sonate selbst einstudirt. Andererseits gibt in der | nachsten Zeit der kleine ,,Sohn" Anlass, dass wieder haufiger Akademien und ,,interessante Musiken" besucht werden, wie solch letztere besonders bei K. Czerny und der Freiin Dorothea Ertmann stattfanden. 29

Alles dies aber fuhrte ihn kaum eigentlicb zu seiner Kunst, wie viel weniger zu Menschen. ,,Ich habe das Ungluck, dass alle meine Freunde von mir fern sind und i-ch nun allein stehe in dem hasslichen Wien", klagt er in diesem Fruhling auch gegen Dr. Bursy. Und wirklich, wenn Beethovens Ausspruch im Tagebuch von 1817 richtig ist: ,,Wahre Freundschaft kann nur beruhen auf der Ver- bindung ahnlicher Naturen", wo sollten sich einem Beet- hoven auf die Dauer wirkliche Freunde finden? Zmes- kall Melt treu aus. Trotz Gicht und anderer Leiden, die ihn bald fur Jahre ans Bett fesselten, schnitt er fort und und fort Federn und half Bedienten-Fragen und andere Confiicte losen. Doch auch in personlich menschlicheren Nothen erschloss Beethoven ihm sein Herz. ,,Lieber Z. seyn Sie nicht bose liber mein Blattchen erinnern Sie sich nicht der Lage, worin ich bin, wie einst Herkules

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bei der Konigin Omphale ???.... Leben Sie wobi und schreiben Sie ja nicht mebr der grosse Mann tiber micb

- denn nie babe ich die Macht oder die Schwache der menschlicben Natur so gefuhlt als jetzt", so lautet ein etwas ratbselbaftes Billet, das der Empfanger auffallender Weise nicbt datirt bat. Wir sind tiber die Netze, in denen man sicb diesmal offenbar sebr scblimm gefangen, nicbt be- ricbtet. Aber aucb das Tagebucb spricht gerade in dieser Zeit deutlicb genug das Bewusstsein aus, dass ihm selbst auch nach dieser menscblicben Seite bin Menscblicbkeit in keiner Weise fremd war.30

Brunswick und Gleicbenstein weilten nicbt mebr in Wien. Lobkowitz folgte nocb in diesem Jabre dem andern treuen furstlicben Gonner Licbnowsky. Baron Pasqualati oder gar Graf Fries, dem vermutblicb wegen Besorgung der Londoner Geldgescbafte als k. k. Kammerer die 7. Sym- phonic ,,in Ebrfurcbt" gewidmet wird, bleiben wobl stets zur ausseren Hiilfe bereit. Allein es bebt die Yerscbieden- beit der socialen Stellung und der Interessen doch den wirklichen Freundesverkehr mebr oder weniger auf. Naber stebt immer, wie aucb aus den Conversationen erhellt, trotz der gleicben Hinderungsgrtinde Graf Licbnowsky, wenn es aucb freilicb scbwarmeriscb libertrieben bei Weissen- bacb beisst: ,,Sie lieben sicb und erwarmen sicb beide an dem ewig beissen Busen der Kunst". Breuning babe sich scbon im Jabre 1817 mit Beetboven entzweit, sagt Scbind- ler, und in der Tbat finden wir in all diesen Jabren keine Spur des Yerkebrs mit dem altenFreunde, den vermuthlicb Sorgniss und Pflicbteifer zu allzu bartem Urtbeil iiber Beetbovens

__§!_

Annahme der Yormundscliaft gefubrt batten. Der Kiss ward erst gebeilt, als die Folgen dieses Schrittes ibr voiles Medusenhaupt bervorkebrten. Schuppanzigh, Oliva, die iibrigens beide auf einige Jabre nacb Eussland gingen, dann Czerny, Streicber und selbst Bernard und Kanne wa- ren zu ,,scbwacb zur Freundscbaft" und daber im Grunde docb nur ,,Instrumente auf denen er spielte", selbst wenn sie ibm bin und wieder wie Kanne mit seinen Sarkasmen oder musikaliscb-astbetiscben Grillen und Bernard mit seinen leicbtlebigen Scberzen zu geeigneter Zeit das Mabl wurz- ten. Docb zeigen die Conversationen zumal mit dem Erst- genannten immer einen gewissen Grad aufricbtiger gegen- seitigen Acbtung. So seben wir diese Freunde denn aucb fortwabrend mit andern ,,Werkzeugen" wecbseln, nur dass leider allmalig fast stets eine Stufe tiefer gestiegen werden muss.

Der erste und fiir uns wicbtigste derselben und zwar bis zu den letzten Tagen des Meisters ist der ,,Mabriscbe Scbadel" Anton ScMndler. Er war scbon im Marz 1814 mit Beetboven in personlicbe Beriibrung und spater durcb Betbeiligung an den Akademien aucb zu ,,fernerer Annaberung" gelangt. Ein kleiner Unfall, namlicb dass er als Student wegen angeblicber Tbeilnabme an carbona- ristiscben Unruben der Wiener Universitat im Febr. 1815 in Brtinn einige Wocben in Polizeibaffc gebalten ward, erweckte bei Beetbovens damaligen politiscben Tendenzen naberes Interesse fur ibn. Er musste ibm selbst im Blu- menstockl im Ballgasscben nacbmittags beim Biere die Sacbe erzablen und durfte ibn dann dort aucb spater recbt

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oft aufsuchen, wo er ihn ^unter einer kleinen Zahl von JosepMnern reinsten Wassers" fand, unter denen er einen k. k. Arcierencapitan und den'Secretar des Grafen Palfy, C. Pinterics, aus Schuberts Leben bekannt, als nachste Gesellschafter und politische Secundanten Beethovens nennt. Bald brachte die Begleitung auf den nachfolgenden Spaziergangen und um 1819 die Empfehlung des Advocaten Dr. Job. Bapt. Bacb ihn in das nahere Vertrauen des bochverehrten Meisters, und tbeils die aufricbtige Hingabe des jungen Juristen, der um 1822 ebenfalls ganz zur Musik tibertrat, mebr aber das wirkliche Bediirfen eines solchen brauchbaren1 Subjects beforderten den Signor Papageno, wie wenigstens er behauptet, schon in diesem Jahre 1816 zu Beethovens ,,Geheimsecretar - - ohne Gehalt". Obwohl wir nun bereits wissen, dass hier weder wirkliche Einsicht in die Kunst im hoheren Sinne noch auch namentlich in ihre tieferen Lebensquellen bei Beethoven waltete und gerade durch Schindler fast am meisten Verwirrung in des Meisters Biographie gekommen ist, so war es doch immer ein glucklicher Zufall fur Beethoven, in den ver- wickelten Abendtagen seines Lebens ein solches ,,Werkzeug" zu finden. Neben Frau Streicher gebuhrt unbedingt ihm der Preis treuesten Helfens in dieser letzten Lebensperiode. Von Frauen erscheint neben der Grafin Erdody, ,,sei- nem Beichtvater", und der bald wieder in ihre vollen Rechte als Schaffherin Eurykleia eintretenden Frau Stareicher die uns ebenso wohlbekannte Freiin Dorothea Ertmann. Doch handelt es sich hier um rein ktinstlerischen Verkehr der aber fur Beethoven um so wohlthuender gewesen sein

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muss, als diese seine ,,liebe werthe Dorothea -Cacilia" zu den ,,berufenen Aposteln" gehorte, die sich mit dem wirk- lichen Erangelium Beethovens d. h. mit seiner eigenen Art des Vortrags forthalfen, und so ist es ein aufrichtiger ,,Beweis seiner Anhanglichkeit an ihr Kunsttalent wie an ihre Person", wenn der Meister ihr am 23. Febr. 1817 die soeben erschienene ,,Sonate fur das Hammerclavier" Op. 101 sendet, die ihren Namen tragt. Dass seine Weise jetzt mehr erkannt wurde, war wenigstens in den besseren Musik- kreisen Wiens ihr Yerdienst, da sie regelmassig einen Kreis von echten Musikfreunden um sich versammelte und den reineren Geschmack darstellen und fordern half. Schindler macht-davon jene auf eigener Anschauung beruhende Schil- derung, die sich durch Mendelssohns Erzahlung vom Jahre 1831 anschaulich erganzt. Doch geht daraus noch nicht entfernt hervor, dass, wie Schindler behauptet, jene Sonate ,,fur sie und ihre Yortragseigenthumlichkeit geschrieben", da im Gegentheil Beethoven selbst uns ausdrucklich be- zeugt, dass er ,,durch Zufall auf die Dedication an sie ge- rathen" und zwar als der Stich schon bis auf den Titel vollendet war. Doch raubt dies dem Yerdienst der Dame an sich nichts (v. o. II 520 und Briefe Beeth. No. 168).

Yon neuen Freunden oder wenigstens zeitweilig nahe- ren Bekannten werden wir Magistratsrath Tuscher und Hofrath Peters so wie spater Dr. Bach durch die Yor- mundschaft eingefuhrt nnden. Das Yerhaltniss zum Erz- herzog, dem die im Juli d. J. erschienenen Op. 96 und 97 gewidmet sind, erkannten wir bereits als eine durchaus nicht ,,auf gleichenNaturen beruhende wahreFreund-

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schaft". Wir werden noch naher darauf zurtickzukommen und dann das letzte Wort daruber zu sprechen haben.31

Bei Wiederaufnahine des chronologischen Fadens be- gegnet uns am 15. Mai 1816 ein Billet, worin das ,,bewei- nenswiirdige Schicksal des plotzlichen Verlustes" des Sohnes der Grafin Erdody, der unerwartet bei ihr im Zimmer ge- storben war, mit dem aufrichtigen Trostgeftihl beklagt wird: ,,nichts als dass man denken kann, dass die geschwind HinweggescMedenen weniger leiden!" Kurz vorher hatte er die Notiz im Morning chronicle uber die Aufnahme seiner Symphonic erfahren. Diese ,,grosse Genugthuung flir ihn" erinnert ihn auch an Neates Versprechen in Lon- don ein Concert fur ihn zu veranstalten. Mcht bios, dass dies ein Triumph seiner Kunst dort sei; auch fiir sein ,,almost indigent life", da sein Papiersalarium von 3600 Fl. ihm kaum auf 3 Monat ausreiche und obendrein jetzt noch ein ,,poor orphain" zu erhalten sei, mtisse dies willkommen sein. Ebenso der Verkauf der Werke. Neate moge deshalb auch ,,some lover of musik" finden, dem eines derselben zu dediciren sei. Er war genothigt, sich auch auf solche Weise einen doch einigermassen entsprechenden Lohn flir seine Arbeit zu sichern. Allein weder die Phil- harmonische Gesellschaft, wo seine Ouverturen nicht gunstig aufgenommen worden seien, noch die Verleger, denen die Sonaten zu schwer und nicht verkauflich erschienen, mach- ten annehmbare Gebote, und fiir die Dedication des Trios Op. 97 habe sich nur eine Dame gefunden, die 10 Liv. biete, antwortet Neate am 26. Oct. d. J. 1816. Doch werde er nachste Saison wieder Director der Gesellschaft sein und

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dann seine Stimme geltend machen. Beethoven hofft am 18. Dez., wenn man erst auch die Adur- Symphonic aufge- fiihrt haben wtirde, werde sein ,,little fame" ihm helfen. Die drei Ouverttiren rechne er zwar nicht, was er wohl von dieser sagen konne, zu seinen besten Werken, doch hatten dieselben in Wien und Pest nicht missfallen, wo man auch nicht so leicht befriedigt sei. Ob da nicht in der Aus- ftihrung gefehlt sei, ob nicht ,,party-spirit" geherrscht habe? Mit den 10 Guineen fur die Dedication sei er zufrieden, die Sonaten Op. 102 aber miissten bald honorirt sein, weil er ernste Antrage deshalb habe, die nur von seiner An- nahme abhingen.^2

Er hatte .dieselben demjungen Simrock, der in die- sem Sommer einige Wochen in Wien war und am 29. Sept. 1816 von Beethoven mit dem Bemerken, er werde manches von seiner Lage erzahlen, an Brentanos empfohlen wird, mit nach Bonn gegeben, wo sie auch bereits im folgenden Jahre erschienen. Dabei erzahlt Schindler, Beethoven habe ausdrueklich gebeten, von dieser Uebergabe nichts gegen die Herren Steiner & Comp. verlauten zu lassen. Schon 1813 habe durch Darlehen auf unedirte Werke eine pecu- niare Abhangigkeit von den Inhabern dieser Firma sich begrtindet, und in der That bestatigen einerseits die Menge der Werke, die dieses erst 1815 entstandene Geschaft in Verlag bekam ausser Op. 90 bis 101 noch die spater edirten Op. 112 118 und 121a, sowie die posthumen Opp. 136. 137, 138, andrerseits der Ton der Briefe ein solches Verhaltniss nur zu sehr. Auf ungefiihr 3000 Fl. gibt Beethoven in einem Briefe vom 3. Juli 1822 diese

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,,maxima culpa" selbst an, wobei er einen Theil der Schulden von Karls Mutter ubernommen habe, und man kann denken, wie bei dem Charakter ,,dieses bosen Steiner" ihn solch ein Verhaltniss driickte. Daher die Klagen gegen Bursy uber die Wiener Verleger, unter denen allerdings im Bewusstsein ihrer Macht liber den Meister diese Steiner soweit gingen, gegen oder doch ohne Beethovens Willen Kleinigkeiten wie ,,Der Mann von Wort" und Merken stein als besonderes Opus (99 und 100) herauszugeben. Zu alle- dem war das Honorar, das ihm jetzt vermuthlich sehr eigenmachtig angesetzt ward, nicht entfernt der Sache ent- sprechend. Wir werden daruber seine eigenen Klagen noch vernehmen, denn es gab auch hier noch schlimme Geschichten. 33

Immer also das alte Lied von materieller Bedrangniss und die Zwangslage den Pegasus zunachst zu ihrer Hebung einzuspannen. Dazu erwachen die alten Sorgen um die Er- zi&hung des ,,theuren" Neffen. Wir absolviren zunachst wieder diese ausseren Dinge.

Am 11. Juli 1816 erhalt der Erzherzog die Sonate Op. 96 im Stich. ,,Ich darf wohl von Ihrer Gnade hoffen, dass Sie der mir etwas freventlich (jedoch bios der Ueber- raschung willen) erlaubten hier beigeftigten Dedication sonst keine Absicht beilegen", heisst es dabei. Das Werk sei fur ihn geschrkben, oder vielmehr es habe ihm sein Dasein zu danken: es war fur Pierre Rode, aber zu einer Soiree mit dem Erzherzog bei Lobkowitz geschrieben. Er hofft ihm bald in Baden aufwarten zu konnen, sein Brustzustand, .um den ihn sein Arzt (Dr. Staudenheim)

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bisher nicht aus der Stadt gelassen, bessere sich. Am 28. Juli schreibt er denn auch, dass er morgen fruh um 5 nacli Baden gelien werde.

,,Mich fesseln Verhaltnisse hier", hatte er kurz vorher Dr. Bursy auf die Frage, warum er in Wien bleibe, geant- wortet. Abgesehen davon, dass ohnehin ,,Karl ihm taglich grosse Opfer kostete", erhohten sich die Ausgaben jetzt noch dadurch, dass die Erziehung moglichst unabhangig von der Mutter festgestellt werden musste, die sich durchaus einer Konigin der Nacht immer wtirdig zeigen wolle. Dabei ,,sprengte sie iiberall aus, dass er nicht das mindeste, son- dern sie alles ftir Karl bezahle", wahrend doch seine Gross- muth soweit gegangen war, trotz voller Uebernahme der Er- ziehung des Knaben ihr die ganze Halfte der Pension nach den Landesgerichtsacten 440 Fl. W. W. zu tiber- lassen, da dieselbe doch naturgemass fur jene Erziehung ganz ihm gebuhrte.

,,Komm Hoffmmg, lass den letzten Stern des Miiden nicht erbleichen, 0 komm, erhell' sein Ziel, sei's noch so fern!" hatte er in diesen Tagen in Bursys Exemplar des Fidelio geschrieben. Und um nun, wie er es fur ausfuhrbar hielt, diesen Fahrlichkeiten und Kedereien ein fur allemal zu entgehen, hatte er beschlossen, den Knaben aus dem Insti- tut, wo er ihn nicht einmal gut aufbewahrt wahnte, zu sich zu nehmen, was denn Giannatasio ebenfalls noch vor der Ausfahrt mitgetheilt ward: ,,Entschluss zu bleiben, mit H. ist es nichts, es ist aus dem Hause, sondern mit einem Hofmeister im Hause, alles gibt sich mit Festigkeit" heisst es im Tagebuch damals.3* -

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Die ,,Konigin der Nacht" aber beharrte bei ihrem Wuhlen. ,,Wie viel wir auf ihre Besserung rechnen kon- nen, zeigt Ihnen dieses abgeschmackte Geschmier", schreibt Beethoven an Giannatasio. Unterdessen hatte er ,,ihr dies- mal nicht wie ein Sarastro, sondern wie ein Sultan geant- wortet". Doch war es bei all ,diesen Verhaltnissen wohl nothwendig, sich auch selbst zuzurufen: ,,Die Auszeichnung eines vorztiglichen Mannes: Beharrlichkeit in widrigen harten Zufallen". Die Operation Karls stand vor der Thiir, und in hauslichen Dingen gab es neue Auftritte. Der ,,schneidernde Bediente", der seit 1813 ,,mit rtilirender Sorg- faltu sein gewartet, war schon am 25. April gewechselt, aber leider gegen einen Andern, der ,,seiner Auffiilinmg halber nicht zu halten" war (5. Sept. an Zmeskall). ,,Des Morgens brachte uns ein sehr prosaischer Larm aus unserer poetischen Stimmung", erzahlt Fraul. del Kio von dem oben erwahnten Besuch in Baden. ,,Beethoven erschien auch bald mit zerkratztem Gesicht und klagte uns, dass er mit seinem Bedienten, welcher zum Austreten war, einen Auf- tritt gehabt. Sehen Sie, sagte er, so hat er micb zugerich- tet! Er beklagte sich, dass diese Menschen, obwohl sie wiissten, dass er nicht hore, dennoch nichts thaten um sich ihm verstandlich zu macheu." So muss Zmeskall wieder helfen. ,,Von dem aufzunehmenden wissen Sie ohne- Mn schon wrie man ihn wiinscht, ein gutes ordentliches Betragen, geheirathet und nicht mordlustig, damit ich | meines Lebens sicher bin, indem ich doch wegen verschie- denen Lumpen volks in der Welt noch etwas leben mochte!"

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schliesst ,,un povero musico" seinen Auftrag im Humor der Verzweiflung.

Unter diesem ,,Lumpenvolk" war also stets das Num- mer Bins sein lieber ,,Hosenknopf", wie er scherzweis den Knaben Karl und danach auch zuweilen sich selbst nannte, und rtihrend aussert sich seine Liebe wieder am 22. Sept. gegen Giannatasio; ,,Gewisses la'sst sich nicht aussprechen. - So als ich die Nachricht von Ihnen wegen Karls fiber- standener Operation erhielt, besonders meine Gefiihle des Dankes. Sie ersparen mir hier Worte hervorzubringen oder kaum zu stammeln, sie wtirden doch nichts sagen gegen das, was meine Geftihle Ihnen gem zollen mochten. Also still!" Es hatte ihm Wehe verursacht, nicht Theil nehmen zu konnen an den Schmerzen seines theuren Soh- nes, und er hatte deshalb Freund Bernard beauffcragt, sich bei Giannatasio zu erkundigen. Allein der ,,so gemtithlose untheilnehmende Freund" hatte nicht einmal geantwortet: ,,am Ende konnen Sie mich fur einen halben sorglosen Barbaren halten". Smetana, dem Arzt, bitte er seine Verehrung und Hochachtung zu bezeigen. Die erneute Liebe und Gute der Frau v. G. sei in sein grosses Schuld- buch eingetragen. Ja die Sache steht seinem Herzen so nahe, dass er sie am 29. Sept. sogar als ,,sehr glticklich' abgelaufen an Brentano in Frankfurt meldet. Ebenso schliesst der Zettel, den er damals dem jungen Simrock fur Wegeler mitgibt mit den Worten: ,,Du bist Mann, Vater, ich auch, doch ohne Frau!'4 So erkennen wir stets j aufs neue die Kichtung seiner innern Empfindung. 35

Anfang October erfolgt noch von Baden aus das humo-

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ristische Billet des ,,armen Teufels" an den ,,allerliebsten ersten Turnermeister von Europa", des Erzherzogs Kammer- lerrn von Schweiger. Am 17. aber fand ihn der Mann der Fran Pachler-Koschak, der wir bald begegnen werden, eben einige Tage in Wien zuriick. Am 24. Oct. erklingt es ebenfalls noch heiter an den ,,Wohl- wie auch Uebelgebohr- nen (wie jeder andere)" Freund Zmeskall. Allein es halt nicht lauge vor. mit der guten Laune. Man ward von neuem leidend und muss gar ,,das Bett'und Zimmer huthen". Es

wieder Ungliick mit einem neuen Bedienten, seine Haushaltung sieht beinalie einem Schiffbruch ahnlich: ,,alle Projecte wegen meinem Neffen sind gescheitert durch diese elenden Menschen", heisst es. Er hat von alien Seiten grosse Ausgaben jetzt, kann also keinen Hofmeister nelimen und muss dort bei dem theuren Institut allmalig auch sich beriicksichtigen. Denn er ist ,,in dem Zustande, wie alle die ihr Schicksal an dieses Land gekettet hat (ausser den osterreichischen Wucherern)". Wie es denn am 29. Sept. auch gegen Brentano heisst, ,,dass unsere Kegierung immer mehr zeige, dass sie regiert werden musse und dass wir glauben, noch lange nicht das Schlimmste erlebt zu haben." Die Konigin der Nacht ,,hort nicht auf, alle Segel ihrer Kachsucht gegen ihn aufzuspannen" und ihn gar um sei- nen guten Leumund als Vormund zu bringen, der Knabe selbst fangt an, lassiger zu werden, alles freilich keine weltbewegenden Dinge, aber ebensoviel Anlasse zur arbeit- hemmenden Verstimmung oder auch zur tieferen Erschlies- sung der Ressourcen des eigenen Innern.36

Das ,,Betthuthenu scheint zur Lecture, zu nothigen.

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Nacb dem Tagebuch 1st sie anfangs wieder sebr ernster und gar transscendentaler Natur. ,,Gott 1st immateriell, des- wegen gebt er fiber jeden Begriff; da er unsicbtbar 1st, so kann er keine Gestalt haben. Aber aus dem, was wir von seinen Werken gewabr werden, konnen wir scbliessen. dass er ewig, allmacbtig, allwissend, allgegenwartig ist;% steht da und zwar unterstrichen. Dann kommen Dinge ,,aus der indischen Literatur" und ,,aus dem Plutarch", fiber die indische Tonleiter, die Braminen ,,Zeit findet durcbaus bei Gott nicht statt", stebt dazwischen , ferner : ,,Also gesungen auch vortrefflicbe Worte ausdrficken - Bei den Nemeiscben Spielen sang der Sanger Pilades die

Worte aus dem Stficke titulirt die Perser: Ich gebe

Griechenlands Sobnen den herrlichen Schmuck der Freibeit! und indem er mit seiner vortrefflichen Stimme die ganze Wfirde dieser Worte ausdrfickte, so ricbteten alle Zuborer" - namlich ibre Blicke auf den mitanwesenden Pbilopomen, der den Sieg bei Mantinea erfocbten. So erzablt ubrigens Pausanias, nicbt Plutarcb.37

Darauf folgt aus sebr begreiflicben Ursacben der Zuruf :

,,Du musst ein Kapital baben, das ist nicbt anders als

[d. b, wobl durcb ein Concert] zu verscbaffen". Von einem solcben ist aucb jetzt bier Eede: der 1. Theil solle eine neue Sympbonie bringen, der 2. eine Cantate! ,,Im Falle einer Akademie fur die Invaliden ist die Wiener Zeitung vom 26. August 1816 nacbzulesen" , wo jedoch nicbts Merauf zu Beziebendes stebt. Dann beisst es: ,,Nur wie vordem wieder auf dem Clavier in eigenen Pbantasien trotz allem Geboru. Doch kommt nicbts dergleicben zu

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diese Herrschaft zu tiben; dies kann auf die hochste Weise nur bei der Instrumentalmusik geschelien, welche wiederum nur durch bedeutende und machtige Gemiithsbewegungen in Beweguug zu setzen 1st", hatte Th. A. Wendt in jenen ,,Gedanken voll Weisheit aber auch voll Schulver stand" gesagt. Und wie es an solchen Gemtithsbewegungen wahr- lich in jenen nenen Verhaltnissen nicht gefehlt, wo sozu- sagen ,,ein neues Gemiithsleben bei Beethoven hervorbrach", so finden wir auch im Tagebuch dieses Fnihjahrs 1816 die Worte: ,,0pern und alles sein lassen, nur fur deine Weise schreiben und dann eine Kutte, wo du dies ungltickliche Leben beschliessest!" Weiter sagt Wendt: ,,Wo er sich aber der ganzen Macht und Ftille der Instru- mentalmusik bedient, da wird auch das Unerhorte in der Musik moglich, und eine iiberirdische Kraft kommt in den Menschen, sodass er sich in solchen Momenten der Be- wohner einer hoheren Welt- zu sein wahnen kann." Wozu wieder das Tagebuch eine Parallele gibt: ,,Nur in deiner Kunst leben, so beschrankt du auch deiner Sinne halber bist, so ist dieses doch das einzige Dasein fur dich." Und noch einmal vernehmen wir den verstandigen Musik- asthetiker: Mcht um die kraftlose Klage, nicht um die schwachliche Empfindsamkeit mit einem Anschein von Kraft zu iibertunchen, sondern um die mannigfaltigen Ge- walten der MuSik zu einem unerhorten ungeheuren Ein- druck zu verbinden, mussten alle Instrumente sich vereini- gen; alle bilden in unendlicher Abwechslung und Ver- kntipfimg gleichsam ein lebendiges Tonuniversum ! So schaut dieser norddeutsche Prof, philos. schon damals die

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Symphonien Beethovens an, tind es 1st ein richtiges Gefuhl Schindlers zu wiinschen, dass Wendt auch noch die Neunte gehort haben mochte! Denn eben diese ward jetzt con- cipirt. Wir geben davon die sichern Anhaltspuncte.

Am 18. Dez. 1816 spricht Beethoven selbst zu Neate

von. Symphonien, einern Oratorium oder Cantate, die er fiir

die Philh. Gesellschaffc zu schreiben geschmeichelt sein

wtirde. Um dieselbe Zeit soil Steiner bei der Widmung

der Sonate Op. 101 an Frau von Ertmann nur den alten

iTitel fur eine neue Sonate von ihm aufheben, wozu sich

nur seine Bergwerke zu offnen haben, um solche ans Ta-

:geslicht der Welt zu bringen. ,,Am 11. Juni 1816 zum

Stich gegeben", steht von fremder Hand auf dem Manu-

; script des Trios Op. 97, und ,,Beeilung mit dem Trio an

S. K. [H.] wegen 400 Fl. alles eiligst im Nothfall schiesst

er auch vor Zmeskall, Czerny fragen wegen der Opera-

jtion, falls sie nicht bei G., welches jedoch das beste -

I die Reisekosten alles dieses ist nichts, Ar[tari]a vorschiessen,

kann die Sonate im Trio endigen", heissts im Tagebuche. 39

Nun eagt uns erstens ein Brief vom Januar 1819 an den Erzherzog, dass spater ,,zu den 2 Stticken [namlich Allegro und Scherzo von Op. 106] noch 2 andere gekom- inen sind", und Artaria ist Verleger dieser Sonate. Sodann aber, scheint es, besitzen wir diesmal das Bergwerk, das sich nur zu offnen habe, selbst, namlich ein fingerdickes Taschennotirbuch aus dem Kachlass eben dieses Herrn M. Artaria. Freilich steht innen in der'halbabgerissenen Decke von der Hand Beethovens mit Bleistift: ,,Boldrini [abgerissen] 817". Allein alles iibrige lasst durchaus auf

No hi, Beethovens letzte Jahre. 7

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die Entstehung dieser Notirungen im Jahr 1816 schliessen und da das Heft, wie auch aus den Wachsflecken darin zu ersehen, aus guten Grtinden eigens aufgehoben und spater daheim verwendet worden 1st, so kann jenes 1817 ebenfalls spater hineingeschrieben worden sein. Die inner* Seite des anderen Umschlags, also das Letztbeschriebem des ganzen Biichleins aber lasst, wenngleich nicht ohn< Mtihe, doch mit Sicherheit folgendes entziffern: ,,Der neuestt deutsche Jugendfreund etc. fur Knaben, Leipzig 1816" sodann ,,bei Mtiller in der Leopoldstadt Nr. 575 6 leicht* Keisewagen zu verkaufen", und zuletzt ,,Wohnung Alster vorstadt Hans Nr. 115 von 8 Zimmern etc. mit Obstgartei urn billigen Preis zu vermiethen von kiinftigen Georgi" Von dem Eeisevorsatz erfuhren wir soeben im Tagebuch Kurz vorher aber steht dort: ,,Zum leben und aushaltei ein Haus in der Vorstadt, auf dem Lande gehts nicht mi Karl". Und wirklich ward im Friihjahr 1817 eine Wohnun^ in der Vorstadt, namlich ,,Landstrasse Gartnerstrasse bern grtinen Baum" genommen. Wir haben es also Mer mi dem Jahre 1816 zu thun, und der Inhalt dieses bishe unverwertheten kleinen Notirungsbuches selbst wird erge ben, warum hier zugleich auf die Feststellung des Sach verhalts und Zeitpuncts soviel Gewicht gelegt ward.40

Nach 2 Seiten Bleistiftskizzen namlich steht da zu nachst S. 4 eine Melodie:

Zum Bade, zum Bade von Bluinen gefullt, mit Dactylenbezeichnung. Darauf ,,Fuge" 6/8 Cdur ,,all 3te Stiicke -eine wahre Fuge zum B. das Trio neues sujec [sic], welches alsdann beim Wiederholen des thema zun

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Contrasubject dient!" Dann kommen eiD paar Seiten con- trapunctische Studien, ,,Gegenbewegung, riickgangige Ge- genbewegung" mit Beispielen, als bereite man sich zu den ,,ganz anderen Dingen" vor, von denen in dies em Fruhjahr 1816 Rede ist. Darauf folgen mehrere Seiten Skizzen zu ,,Lisch aus mein Licht", wie solche auch, jedoch vier- stimmig, den oben S.'52 erwahnten Skizzen des Finales •'•' von Op. 101 folgen, und zwar nach einer Notiz ,,Christ 51 ist erstanden, Variationen". Es sind Gedanken des Todes il'j und die fiber das Grab hinausfuhren, was seine Empfindung '* beherrscht. Nach vielen Seiten Entwtirfen, die an den -..I. Satz von Op. 106 erinnern konnen, kommt dann eine Melodie mit den Worten: ,,vivat Rudolphus, dieses anfangs i durchgefuhrt und spater vierstimmiger Chor". Es mag des Erzherzogs Namenstag, der 17. April bevorstehen. Un- mittelbar darauf folgen deutliche Skizzen von Op. 106 erster Satz und die Worte: ,,Zuerst Menuet, adagio fis-moll oder fis-dur, Ende fugirt, in diesem womoglich B-moll." Der Plan des Werkes ist also gemacht. Doch heisst es spater noch einmal: ,,auch konnte am Ende Rondo und Moderato und als Episode Fuge in B-moll". t Unter weiteren Skizzen zu den beiden ersten ,,Stticken" dieser Sonate, also auch des Scherzos, steht dann, jedoch i ohne ein Notennotat da ,,Preludien zu meiner Messe". Im Juni dieses Jahres ward in Wien zum ersten Mai in der Kirche die C-Messe Op. 86 aufgefuhrt. Gab dies An- all regung zu der Idee, eine neue Messe zu schreiben? Wir ;,'( : wissen es nicht. i! Es folgen Skizzen in D-moll, entfernt an das Scherzo

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JLOO_

der ,,Neunten" erinnernd. Dann aber steht da, und zwar in Bleistift mit Dinte iiberzogen:

,,Zur Sinfonie in D" und darunter das dem Nachsatz des Hauptthemas des 1. Satzes entnommene, aus der gegeneinanderlaufenden Mollscala bestehende Motiv ,,ben marcato" und jenes Stuck des Haupt- themas, das den ganzen Satz so gewaltig willenskraftig abschliesst und den Keim der schonsten thematischen Durchftihrungen enthalt, jedoch hier in Dur, wie es eben auch in denselben vorkommt, jenes:

Corno 1.

Erst darnach folgt auf der leerenQuinte im Bass das rhyth- mische Eingangsmotiv selbst, und zwar nacn. seiner vollen Ausdehnung aber mit einem einleitenden Geigenlauf in 32tel wie bei der Wiederholung des Themas, jedoch nicht mit den scharfen Schlagen nach dem obennotirten Motiv, sondern mit dessen Wiederholung auf der Dominante. Demnach ist hier alles Wesentliche dieses gewaltigen Satzes beieinander: vor allem jener chaotisch gahrende Ab- grund, aus dem der erste Blitz des dammernden Willensbe- wusstseins aufzuckt, dann dieser machtige Geisteswille selbst, der freilich alles Leid der Welt auf den eigenen Scheitel herabzieht, aber ihr auch das Gesetz seines Wesens unaus- loschlich aufdruckt, ein allereigenstes Erzeugniss des menschlichen Geistes in der Kunst und ein kraffcigstes- Abbild des eigenen Wollens und Wesens bei unserm Meister!

Doch 1st zu bemerken, dass die leere Quinte im Bass Mer noch gleichmassige 32tel hat, also Tremolo, dass also iiberall noch erste Notate vorliegen, wie solche auch ein grosses Blatt aus einem Skizzen-Buche im Besitz des Director Krauck- ling zeigt, wo obendrein das zuckende Eingangsmotiv erst in eine weit schweifende Figur auslauffc. Erst weiterhin steht in unserem Notirbuche Mer: ,,anfangs vielleicht auch Triolen" und dabei das Notat:

Wie er denn auch spater mit der Bemerkung ,,simpler" wieder auf die Triolen- oder vielmehr Sextolenbewegung zuruckkommt, die als ein erster Schein von rhythmischer Gestaltung das starrend Cede dieser leeren Quinte so un- gleich kenntlicher ausdrfickt, als das blosse Tremoliren es vermochte ! Denn bei solchem blossen ,,Erzittern der Materie" konnte man sich eben nichts vorstellen und gewanne statt der Empfindung der factischen Oede nur ein unbestimmtes Geftihl der Leere. Es ware blosses elementares Erklingen, aber nicht auch ein erster Anfang der Regung von gestal- tenden Kraften, der uns die Vorstellung davon bringen soil, wie oede diese ganze Welt des blossen sinnlichen Seins ist und was der Mensch, das heisst der Wille zu thun hat, um aus ihr ein wirkliches Dasein, ein geistgestaltiges We- sen zu machen. So tief eingeboren und sicher also diesem Geiste die ,,Idee der Welt" war, so reift doch auch ihm der gleich sicher zutreffende Ausdruck erst ganz all-

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malig, imd nichts unter den hunderten von Skizzen zi den Werken Beethovens hat etwas Ergreifenderes als dies< ersten Notate einer kiinstlerischen That, wie Beethovei selbst sie allerdings grosser vorher imd nachher nie geth; Es 1st das Werden der Gestalt, das Sehaffen des Geisi selbst, was wir hier wie mit eignen Augen sehen. Darui auch hier der Thatbestand so besonders genau und am fiihrlich berichtet ward!

Sogleich nach diesem ersten Satz der Neunten komml als ,,letztes" ein rollendes Motiv in Ddur 3/8, dann das Hauptmotiv des Scherzos mit den Worten: ,,presto, darum das All. maestoso", wie ja auch der 1. Satz wirklich so mituberschrieben ist. Als ,,3tes Stuck" jedoch erscheinen hier noch andere, unbekannte Skizzen, dann wieder da- Scherzo mit der Notiz: ,,Schluss nb. hier muss es scheinen, als wolle man das Trio in D machen, jedoch geht es her- nach uberraschend in B", eine Intention, die ebenso- wenig ausgeftihrt ist wie die folgenden: ,,trio ganze Har- monie allein", und ,,am Ende vom Iten Allegro B-Posaunen", welch letztere Bernerkung aber das Geftihl von der Wucht, womit der Schluss dieses ungeheuren Satzes aufzutreten habe, schon deutlich ausspricht. Auch die Sextolen kehren wieder und darauf endlich geht es mit der Notiz ,,letztes" ,,Fuge" in B-moll zum Finale von Op. 106 tiber, mit dessen Skizzen das Btichlein schliesst.42

Man sieht, der Meister/ hat damals in zwei unver- gleichlich hohen Werken zugleich sich selbst und ,,seine AYeise" wiedergefunden. Doch geht eine gute Weile da- ruber hin, ehe nur das eine Opus 106 wirklich fertig ist.

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Und gar fur die ,,Neunte" muss, obwohl also noch weitere Torarbeiten and zwar, well darin noch das blosse Tremolo waltet, aus der gleichen und gar wohl etwas frtiheren Zeit vorliegen, wie einst bei der C-mollsymphonie noch Man- ches erlebt und innerlich wie ausserlich erarbeitet werden, ehe dies grosste Werk seines Geistes und seiner Kunst nun auch die Gewalt und Yollendung fand, die es zu einer That des modernen Geistes stempeln. Freilich in den Mo- tiven, wie sie hier in sicherer Pragung mit Dinte iiber- zogen vor uns stehen, liegt schon der geistige Gehalt und seine Form geborgen. Allein ungleich tiefer scheint es, mussten sich ihm des Lebens Abgrtinde selbst aufthun - - ,,er hore immer mehr auf zu glauben^und ich glaube immer", ant- wortete er in diesem Sommer 1816 Fraulein del Eio ehe er die Tinten fand, in denen sich solch ein damoni- sches Bild des Lebens darstellt und ein tragisches Pathos mischt, wie wir es seit Shakspeare nicht gesehen. Stets lebensbefreiter auch muss sein eigener Sinn werden, ehe ihm ziim Ausgestalten eines solchen Bildes, das wie Faust unser ganzes Dasein zu zertrtimmern scheint, um ein neues aus dem freien Geist und Empfinden des Menschenherzens gebornes dafiir aufzurichten , die voile Fahigkeit ward. Spiegelt es doch zumal in seinem Adagio zugleich die ganze Harmonie des in sich selbst erlosten menschlichen Geistes wieder, wie nur je ein Werk des Tragikers es ge- than! Und wir werden sehen, dass das Leben wie Beethovens eigenes Thun und Bestreben es an nichts fehlen liess, um hier die voile Kraft und Freiheit zu bereiten. Es ist ein langer Weg, fast voile 6 Jahre lang, der dazwischen

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liegt, aber es bezeichnen ihn Thaten wie Op. 106 und die Missa solennis, die Vorarbeit zu Op. 127 und die Ouvertiire ,,zur Weibe des Hauses", - - ebenso viel Mark- steine seines eigenen innerii Lebens! Also was uns auch ferner bier Oedes und Storendes begegnen mag, wir mus- sen stets festbalten, dass Beethoven sicb dieser grossen Arbeit und zwar als einer in ibren Grundvesten bereits cyclopenbaft fundamentirten bewusst war, und das Be- wusstsein einer grossen Aufgabe ist allein scbon der Mu- ben und Notbe des Lebens wertb.43

Wir verliessen den Meister am Scbluss des Jabres 1816. Das jetzt eintretende scbrecklicbe Hungerjabr 1817 ward allem Anscbein nacb wie kaum ein anderes in Beet- hovens Leben ,,auf das unruhmlichste zugebracht". Wenig- stens fallt nacbweisbar in dasselbe keines der Werke von Belang. Der Hauptgrund war der ,,Kampf urns Dasein", der diesmal durch andauernde Krankbeit und durcb baus- liche und vormundschaftliche Verwirrungen auf das ausserste gesteigert ward. Docb wir besitzen ja bereits des An- scbauungsmaterials fur diesen Tanz der bosen Geister genug, um nicbt weiter und immer weiter bios cbronistisch all die kleinen Leiden und Scbmerzen aufzuzablen, die allerdings beim wirklicben Erleben bitter qualend genug sein mocbten und jedenfalls ,,tief im Herzen ibre beimlicb bildende Gewalt'4 tibten, aber bei solcb blossem Keferiren eben nur ermudend wirken. Wir beriibren daber ferner nur die Hauptpuncte.

,,Am letzten Dezember 1816" meldet er dem Erz- herzog, er musse schon seit der Akademie fur die Burger das Zimmer htiten. Ebenso muss die ,,liebe, liebe, liebe Grafin" Erdody erneute Klagen iiber Kranksein bei Ueber- sendung der ,,besseren Auflage des Quartetts" Op. 95 ver- nehmen, das am 16. Dez. auch an Zmeskall ,,als ein liebes Andenken ihrer hier lange waltenden Freundschaffc und als ein Beweis seiner Achtung" gesendet ward. Am 8. Ja- nuar befindet man sich ,,bald wieder in einem gesunden Zustande", doch am 15. Febr. horen die Frankfurter Freunde, seit geraumer Zeit sei seine Gesundheit erschiittert: ,,wozu denn auch unser Staatszu stand nicht wenig beitragt". Er hat dabei ausser den ,,Scheinen" offenbar hauptsachlich die Gerichte im Auge. Denn jetzt war en neben wider- wartigen Bedientenverwicklungen neue Vormundschafts- sorgen angegangen. Es gait die Ordnung der Vermogens- verhaltnisse , die bei dem gleich hab- und streitsiichtigen Charakter der Mutter und ihres intriguanten Advocaten viel Aerger und Zeitverlust brachte und schliesslich doch nur durch Vergleich zu Ende kam. Schon am 7. Febr. spricht er gegen Frau Streicher von drei solchen Zusam- menkti-nften binnen wenig Tagen und sagt dabei: ,,bei der Gelegenheit bin ich wirklich immer in Gefahr den Kopf zu verlieren". Das Gerede dieser bosen Frau habe ihn so angegriffen, dass etc. heisst es ein andermal, und doch war es immer wieder ,,seinem Geftihle wider Unmensch- lichkeiten beizumessen, dass man ihn einige Male wanken gesehen und er in sie ein besseres Vertrauen gesetzt". Am 6. Marz bittet dann nach den Landesgerichtsacten die Wittwe

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urn Ueberlassimg des gesammten Nachlasses gegen Zahlung von 2000 Fl. W. W. an den Neffen, und am 29. Marz kommt auf dieser Grundlage der Vergleich zu Stande, \vorauf auch am 23. Mai die gerichtliche Sperre abgenom- men wird. Allein wir werden sehen, dass dies alles nicht half. Die Mutter erfiillte eben die Bedingungen des Ver- gleichs nicht und damit kamen neue Wirren.44

Wie sehr nun ,,dies alles auf sein Dasein gewirkt", erzahlt er.am 19. Juni von Heiligenstadt aus seiner ,,ver- ehrten leidenden Freundin" Erdody, die ihn wieder zu sich eingeladen. ,,Zuviel bin ich die Zeit herumgeworfen , zu sehr mit Sorgen iiberhauft und seit dem 6. Oct. 1816 schon immer kranklich, seit 15. Oct. iiberfiel mich ein starker Entztindungskatarh, wobei ich lange im Bette zubringen musste und es mehrere Monate wahrte, bis ich nur spar- lich ausgehen durfte, die Folgen davon waren bisherunver- tilgbar." Er habe im April den Arzt wechseln mussen, da der seinige, ein pfiffiger Italiener, so starke Nebenabsich- ten 'auf ihn gehabt und ihm sowohl Redlichkeit als Ein- sicht gefehlt. Doch gibt die Menge ,,hollischer Mixturen", die er selbst dabei aufzahlt, keinen sonderlichen Begriff von der Einsicht des neuen Arztes. Dabei habe sich sein Gehorszustand verschlimmert, und schon ehemals nicht fahig, fur sich und seine Bedtirfnisse zu sorgen, seien jetzt seine Sorgen durch seines Bruders Kind noch vergrossert, er sei iiberall libel belassen und die Beute elender Menschen. Tausendmal habe er an sie gedacht: ,,allein der eigene Jammer hat mich niedergedrtickt". Welch trostlose Lage! Dem entspricht denn auch so mancher Ausruf im

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Tagebucbe dieser Zeit. ,,Wegen T. [K?] 1st es nicfrfc anders, als Gott es anheim zu stellen; nie dort binzugeben, wo man Unrecht aus Scbwacbbeit begehen konnte, nur ibm, ihm allein, dem Alles wissenden Gott sei dieses iiber- lassen!" beisst es einmal. Ein andermal aber stebt da die Betracbtung: Mcbt der ungefabre Zusammenlauf der Atome des Accords babe die Welt gebildet; wenn in der Yerfassung der Welt Ordnung und Scbonbeit wiederleucbte, so sei ein Gott! - - Und wie er bier ,,eingepflanzte Krafte" und ein innen Waltendes als tiberall wirkend und leben- zeugend empfindet, so scbreibt er aucb wegen Karl an Giannatasio: ,,Ich bitte Sie mebr sein Gefubl und Gemiitb in Ansprucb zu nebmen, da besonders das letztere der Hebel zu allem Tucbtigen ist; und so spottiscb und klein mancbmal das Gemtitblicbe genommen wird, so wird es docb von unsern grossten Scbriftstellern wie Gotbe u. a. als eine vorztiglicbe Eigenscbaft betracbtet, ja obne Ge- miitb bebaupten mancbe, dass gar kein ausgezeicbneter Menscb besteben konne, und keine Tiefe scbon gar nicbt in demselben vorbanden sei." Dabei sei denn eines glei- cben Wortes von unserm Scbiller gedacht, dass das Ge- miitb eigentlicb die Menscbbeit d. b. das Menscblicbe im Menscben macbe, - - welcber Aussprucb fur uns bier um so grossere Bedeutung.gewinnt, als ein andermal ebenfalls Scbiller gegen seinen grossen Dicbterfreund constatirt, dass die lyriscbe, also vor allem die musikaliscbe Stimmung nur im Gemtitbe sicb grunde!45

Nun, diese etbische Kraft, wer batte sie tiefer in sicb auszubilden, als der Mann, dessen Grundsatz in der Jugend

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noch gelautet hatte: ,,Kraft 1st die Moral derjenigen Men- schen, die sich auszeichnen, und sie ist auch die meinige." Denn im Tagebuch steht wieder: ,,Wer Thranen erndtei will, muss Liebe saen", womit man die Briefe dieser Zei1 an Giannatasio zusammenhalten muss. Am 2. Mai 1817 plotzlich auf der Promenade der befreundete Geiger g< storben, den wir aus der Anekdote mit Napoleon ob. II. 487 kennen. ,,Zur Erinnerung an den schnellen und un- verhofften Tod unseres Krumpholz" schreibt dann in A. Fuchs1 Stammbucli Beethoven den einfach ausdrucksvollei Gesang der Mo'nche aus Tell ,,Rasch tritt der Tod den Menscken an". Ihn selbst fuhrten damals Krankheit und andere Leiden dem Gedanken an den Tod oder doch dem Verzicht auf Gltick naher und naher. ,,Ich sah das Uebel und nalim es bin", schreibt er aus Plinius aus, und so- gleich dahinter: ,,Jedoch was kann dem Menschen Grosse- res gegeben werden als Kuhm und Lob und Unsterblich- keit!" Und damit waren wir wieder bei der schonen Ausgleichung von Beethoven's Existenz, bei seinem Schaf- fen angelangt, das fiir diesen langen leidensvollen Winter 1816/17 nur die beiden Lieder ,,Ruf vom Berge" und ,,So oder so" und wie immer in solcher Zeit der Halbexistenz auch die Halbarbeit derSchottischen Lieder aufwies.46 ,,Etwas muss geschehen -- entweder eine Keise und zu dieser die nothigen Werke geschrieben oder eine Oper - solltest du den kiinftigen Sommer noch hier bleiben, so ware die Oper vorzuziehen, im Falle nur leidlicher Be- dingnisse - - ist der Sommeraufenthalt hier, so muss jetzt schon beschlossen werden wie? wo?" steht im Tagebuch

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von diesem Fruhjahr 1817. Wir fanden ihn bereits in Heiligenstadt, und der Brief an die Grafin Erdody er- ganzt sich durclt das Wort dort vorher: ,,Gott helfe, Du siehst mich von der ganzen Menschheit verlassen, denn Unrechtes will ich nichts begehen. Erhore mein Flehen doch fur die Zukunft nur mit meinem Karl zusammen zu sein, da nirgends jetzt sich eine Moglichkeit dahin zeigt. 0 hartes Geschick, o grausames Verhangniss, nein, nein, mein unglucklicher Zustand endet nie!" Darauf folgt aus der Braut von Messina:

Dies Eine fiih? ich und erkenn' es klar: Das Leben 1st der Giiter hochstes nicht, Allein der Uebel grosstes 1st die Schuld!

Und wieder: ,,Dich zu retten ist kein anderes Mittel als von hier; nur dadurch kannst du wieder so zu den Hohen deiner Kunst entschweben, wo du hier in Gemeinheit

versinkst , nur eine Sinfonie und dann fort

fort -- fort derweilen die Gehalte aufgenommen, wel- ches selbst auf Jahre geschehen kann. - - Ueber den Som- mer arbeiten zum Reisen, da<Jurch nur kannst du das' grosse Werk fur deinen armen Neffen vollfuhren, spater Italien, Sicilien durchwandern mit einigen Ktinstlern -

mache Plane und sei getrost fur K. ." Er will Bader

besuchen, zuerst Wiesbaden, dann Aachen, und ruft sich schon jetzt zu, der Einsamkeit sich etwas zu entwohnen: ,,Abends und Mittags in Gesellschaft sein, es erhebt und [man] ermudet nicht so, daher ein anderes Leben [neben] diesem im Hause zu fuhren!" Wie er denn auch weiter- hin das Ausgleichende geselligen Umgangs richtig erkennt,

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er derzuBettinagesagt: ,,Wenn ich die Augen aufschlage, so muss ich seufzen, derm was ich sehe ist gegen meine Religion." Man lese die Stelle ,,Alles* Uebel ist ge- heimnissvoll und fur sich allein nur grosser etc." und ihr folgt unmittelbar der Zuruf : ,,Das Alleinleben ist wie Gift fur dich bei deinem gehorlosen Zustande, Argwohn muss bei einem niederen Menschen um dich gehegt werden."

So will er im Herbst mit Karl zur Grafin Erdody. ,,Wirklich in Wahrheit ein Tropfen hohlet einen Stein aus; tausend schone Augenblicke verschwinden, wenn Kinder in holzernen Instituten sind, wo sie bei guten El- tern die seelenvollsten Eindrticke, welche bis ins spateste Alter fortdauern, empfangen konnen"; ferner: ,,Karl ist ein ganz anderes Kind, wenn er einige Stunden bei dir ist; daher bleibe bei dem Plan ihn zu dir zu nehmen auch hast du weniger Sorge fur dein Gemiith" heisst es in die.- sem Mai im Tagebuche. Ebenso meint er gegen die Grafin: ,,Ware ich eine Zeit lang einmal unter alten Freunden, welche sich ungeachtet diesem oder jenem Teufels-Men- schenzeug noch immer um mich herum erhalten haben. so wtirde vielleicht Gesundheitszustand und Freude wieder- kehren." Er will sich' also mit Linke, dem graflich Er- dodyschen Kammervirtuosen, tiber die Reisekosten etc. be- sprechen.47

Derweilen aber trat ein wichtiges Ereigniss fur ihn ein und schien sich ihm ein besonderer Lebenswunsch wirklich erfullen zu wollen: es langte eine officielle Ein- ladung von London an!

Neate und Ries hatten als Directoren der Gesellschaft

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das Ihre gethan, und letzterer lud also in deren Namen am 9. Juni 1817 den Meister in der perso'nlieh ergebensten und zugleich ehrenvollsten Weise ftir den nachsten Winter nach London ein. Die Gesellschaft, wo man seine Compo- sitionen alien anderen vorziehe, wiinsche ihm einen Beweis der grossen Achtung und Erkenntlichkeit zu geben fur die so vielen schonen Augenblicke, die man durch seine ausser- ordentlich genialisehen Werke so oft genossen liabe; noch gestern abend sei die schone A-dursymphonie mit ausser- ordentlichem Beifall gegeben worden. Freunde wiirden ihn mit offenen Armen empfangen, die Gesellschaft biete ihm 300 Guineen, wofur er ihr bis anfangs Januar 1818 2 grosse Sinfonien schreiben solle, wo von er auch 100 voraus haben konne. Sonst stelle man ihm alle Speculation mit den Verlegern frei, auch diejenige mit Sir G. Smart, der ihm 100 Guineen fur ein Oratorium in 1 Act ange- boten hatte und an Antwort daruber erinnern lasse, indem er dasselbe ebenfalls noch ftir den Winter haben mtichte. Auch der Intendant der italienischen Oper habe einen Auftrag versprochen. ,,Ihr eigenes Concert", schliesst Kies' Brief, ,,oder vielmehr Ihre Concerte konnen Ihnen eine schone Summe Geldes einbringen, sowie auch andere En- gagements im Lande. Neate und ich freuen tins wie Kinder Sie hier zu sehen und ich darf wohl nicht sagen, dass ich alles mogliche aufbieten werde, Ihnen Ihren Auf- enthalt nutzlich und angenehm zu machen; auch kenne ich England und zweifle keinen Augenblick an gutem Er- folg. Auch brauchen wir hier einen, der alles wieder ein-

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mal in Bewegimg setzt und die Herren im Orchester in der Ordnung halt."

Welch lockende Aspecten nach alien Seiten! Was bisher Italien und Paris fur die Oper, war eben seit Handel und Haydn fur Instrumentalmusik und Oratorium dieses London, und die Philharmonische Gesellschaft stand dabei obenan. Zudem berichtet Zmeskall, der jetzt besonders zu Kath gezogen wird, der Wunsch nach London zu gehen sei stets in Beethovens Seele gehaftet uud er selbst habe nir- gends jene Auszeichnung, wie es sein ungeheures fiir viele Jahrhunderte vorauseilendes Genie verdiene, zu finden ge- glaubt als in Grossbrittanien, da er gewusst, dass nirgends besser als dort der Geist seiner Compositionen verstanden werde. 1st dies nun auch, wenn wirklich gesagt, nur aus momentaner Verstimmung liber manche unvollendete Aus- fiihrung und nur halb theilnehmende Aufnahme seiner Werke daheim zu erklaren, so ist doch nach damaligem Stand der Verhaltnisse richtig, was da weiter gesagt wird: die Aus- zeichnung der Britten sei ihm mehr werth, als was ihm das ganze iibrige Europa geben konnte; seine besonderen Eigenheiten, vor allem sein stolzes Selbstgefuhl habe sich dem englischen Charakter so sehr angeschmiegt und dieses Selbstgefuhl habe wieder zu jener Vorliebe beigetragen, da man ihm selbst so auszeichnend entgegengekoinmen. Dazu war bereits eine der ,,2 grossen Sinfonien" in seinem Sinne so gut wie fertig, und er wusste, wess stolzen deutschen Geistes Kind das Werk war, das er da den ,,stolzen Eng- landern" zeigen konnte.48

Kurzum er antwortet bereits am 9. Juli seinem ,,lie-

ben" Kies.

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m" Kies, er umarme ihn von Herzen und hoffe, dass die ,,P. G." seinen Yorschlag genehmigen werde; sie konne iiberzeugt sein, dass er alle Krafte anwenden werde, sich des ehrenvollen Auftrags einer so auserlesenen Kunst- lergesellschaft auf die wtirdigste Art zu entledigen. Doch verlangt er in Ansehung seines ungliicklichen Gebrechens, wodurch er viel mehr Wartung und Unkosten bediirfe, fur die unumgangliche Begleitung 100 Guineen mehr und da er gleich an der Composition der grossen Sinfo- nien zu arbeiten anfange, ausserdem 150 Guineeu, damit er sich mit Wagen etc. versehen konne.

Es ward freilich nichts aus solcher Eeise. Eines der wichtigsten Hindernisse blieben die fur ihn annehmbaren Beisegefahrten. Drei Individuen wurden mindestens dazu erfordert, namlich sein Arzt, noch ein Freund und ein Diener. Da ihm aber Vorschlage von alien seinen Freun- den gethan wurden, auch sein Brudefr ihn zu begleiten sich anbot, Freund Z. einen hochst verlasslichen Mann ihm an- empfohlen hatte, er aber nichts genehmigte und lieber allein zu reisen meinte, so unterblieb die Wanderung, erzahlt Freund Zmeskall selbst.

Mcht so. die ktinstlerische Vorbereitung dazu, denn das Project blieb ja stets bestehen. Und dass ausser der .,,Neunten", deren Skizzen jetzt umsomehr zu fixiren waren, damals bereits die vielberedete ,,Zehnte" wenigstens aus- gedacht wurde, sagt uns die obige Notiz ,,zur Sin- fonie in D", weil es ja sonst uberfliissig gewesen ware, die Tonart anzugeben. Auch horen wir ihn weiter stets von den ,,zwei" Symphonien reden. Sind es aber die

Nohl, Beethovens letzte Jahre. 8

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Skizzen in C-moll, die wir von Schindler als zur zehnten Symphonie gehorig bezeichnet aus dem Jahr 1824 be- sitzen, so deutet zwar die Wahl der gleichen Tonart mit der Fimften ebenfalls auf jene wiedergewonnene innere Sicherheit nnd kiihne Willensenergie, die, sowie es auch der Charakter dieser Molltonart ist, gerade am Abgrund der Schrecken am liebsten spielt und ihrer Selbstandigkeit sich freut: allein die nicht eben unlebendigen und leidlich drastischen Motive, die wir hier vom Scherzo und Finale aufnotirt sehen, erinnern doch nicht wenig an'jenes blosse Musikspiel, das die Phantasie, die gerade bei einem grossen kraftigen Werke stets in ihrem ganzen Zeugungsorganis- mus erregt worden, unwillkurlich noch eine Weile fort- treibt. Das Gleiche werden wir bei der Missa solennis eintreten sehen und erlebten es schon nach der so tiberaus lebensvoll heiteren 7. Symphonie mit der 8. und kaum minder mit der Pastorale nach der mannlich affirmativeu C-mollsymphonie. Was also auch wie dort an Pikanterie und Schonheitszauber in geistiger und technischer Hinsicht mit dieser Zehnten geboten worden ware, ein ,,echter Beet- hoven1' lage doch nicht vor.

Einen solchen aber besitzen wir in eminentem Sinne in dieser ,,Neunten", zu deren ersten beiden Satzen wir also hier Impuls und Motiv erstehen sahen. Und wenn es der ,,Schrei des geangstigten Willens" ist, was tiberhaupt der Musik ihr Dasein gab, so fanden wir Beethoven in diesem Jahre 1816/17 wahrlich zur Gentige in ^ustanden, die eine heisse Sehnsucht nach Befreiung aus dieser Le- bensenge begreiflich machen. Die Tone dieses 1. Satzes

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der Neunten Symphonic gemahnen in ihrem herzergreifen- den Leidgeftihl und in dem fast tibermensclilichen Kingen nach Luft und Licht des Caseins an das wilde Wen der ganzen Menschheit, aber auch an das unverbnichliche Gut der ,,Ruhe und Freiheit", das sich gerade aus solchen Lei- den am reinsten und dauerndsten gebiert

Wir wollen also auch unsererseits nicht klagen, dass dieses Dasein nicht ,,Glanz und Wonne" war, und (in dem wir dies Kapitel der ,,drangvollen Umstancle" schliessen, um doch das neue nur mit dem gleichen Grundtone von Beethoyeus Leben zu beginnen, nehmen wir auch fur uns hier das Wort jener ,,beiden Schonen" jin Anspruch, als ihnen in dem Finale eben dieser Neunten Symphonic der Meister auch nicht einen Ton erlassen noch andern wollte. ,,So qualen wir uns denn in Gottes Namen weiter!" hatten sie gesagt, und das Gleiche haben wir mit diesen fast bis zur Lacherlichkeit geringfugigen und trivialen ausseren Lebensftigungen des Meisters zu thun, dessen Schaffen uns gerade den Sinn furs Ganze und Grosse so nachhaltig starken sollte. .Sowenig wie sein eigenes Da- sein kann seine Biographie eine blosse Unterhaltung sein.49

8*

Viertes Kapitel.

E i.n G e b e t.

1817 18.

Es muss bei all den Nothen in Beethovens Leben als ein besonderes Gltick bezeichnet werden, dass immer wieder auch von aussen her die kraffcigsten Anstosse zum Scnaffen kamen, die seiner eigenen Existenz neue Kichte and Hal- tung gaben, da er sonst melancholischer Weise sein- Leben ,,gern verlohre!" Denn was hat er viel von diesem Leben, zumal in Wien? Wenigstens sehnt er sich am 15. Febr. dieses Jahres gar sehr nach den ,,unvergesslichen Stunden" mit -seinen Frankfurter Freunden und meint sogar: ,,Wo ware etwas d. g. hier in unserem Wien zu finden; ich gehe daher auch beinahe nirgends hin, da es mir von jeher nicht moglich war mit Menschen umzugehen, wo nicht ein gewisser Austausch der Ideen stattfindet." Dies letz- tere scheint fur Beethoven dort nur durch das Mittel der Tone moglich gewesen zu sein. In der Thatigkeit aber, im Umgang mit seiner Muse entfaltet sich sein wahres Sein, und so sehr ihm fur seine Thatigkeit Gesundhei

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ausserst nothwendig, werde sie durch selbe auch wieder befordert, schreibt er selbst am 10. Marz 1823 ebenfalls an Brentano.

Also wenn auch das Eequiem nur eine stets gehegte Absicht und das Oratorium fur die Musikfreunde ein schoner Wunsch blieben, so steht uns doch die ,,Neunte" in ihrem Plan schon fest da, uns und dem Meister ein schon leuchtender Hintergrund eines Daseins, in dessen Vordergrund so moralisch verkruppelte Bildungen sich bewe- gen. Und auf dem gleichen Grunde seines Daseins ruht die Sonate Opus 106, die also in den ersten zwei Stucken diesen Sommer ausgearbeitet ward. Derm im Febr. 1818 finden wir ihn selbst mit deren Abschrift beschaftigt. Wir sehen uns dabei, ein guter Beweis emsiger ,,Thatigkeit", von einer Hauptquelle unserer Darstellung ftir diese Jahre, von dem Tagebuche verlassen und werden es bald ganz zu verlieren haben. Zwischen dem 1. Juni und dem 6. Dezbr., wo es heisst ,,nach F t geschrieben", welcher Brief aber sowenig wie der dort am 21. Mai verzeichnete bei Bren- tano zu finden war, stehen nur die obigen Notizen tiber das Alleinsein und die Stelle: ,,Die Schwachheiten der Natur sind durch die Natur selbst gegeben, und die Herrscherin Vernunft soil sie durch ihre Starke zu leiten und zu ver- mindern suchen," wobei man an das Zmeskallsche Billet und die Fesseln der Konigin Omphale denken mag. Keinerlei literarische Ausztige! Er hatte wohl zum Lesen erwiinschter Weise nicht Zeit. Denn dass das Tagebuch diesmal in der Stadt geblieben, ist nicht anzunehmen, es stehen zuviel Notizen ftir ihn selbst darin. An Briefen

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dagegen fehlt es uns fur die nachste Zeit nicht, besonders sind die Ergtisse an Frau Streicher haufig und ergiebig, sie muss eimnal wieder wie 1813 grundlich Helferin in der Tagesnoth sein.50

,,So lange ich krank bin, ware mir ein anderes Yer- haltniss zu anderen Menschen nothig," schreibt Beethoven zunachst am 7. Juli, also zwei Tage vor dem Briefe nach London; ,,so sehr ich sonst die Einsamkeit liebe, so schmerzt sie mich jetzt umsomehr, da es kaum moglich ist, mich bei all dem Mediciniren und den Badern so selbst zu be- schaftigen wie sonst. Hiezu kommt noch die angstliche Aussicht, dass es sich vielleicht nie mit mir bessert, dass ich selbst zweifle an meinem jetzigen Arzt, er erklart nun doch endlich meinen Zustand fur Lungenkrankheit," woraus wir also das fortwahrende ,,Spiatzeln" im Winter bei Giannatasios begreifen. Wegen einer Haushalterin wolle er sichs tiberlegen: ,,Ware man bei dieser ganzlichen mo- ralischen Verderbtheit des osterreichischen Staates nur einigermassen tiberzeugt eine rechtschaffene Person erwar- ten zu konnen, so ware alles leicht gemacht, aber - aber —!!!!" Auch weiterhin klagt er viel iiber ,,diese- verrufenste Menschenclasse", die in Folge der Con- gresszeit ,,durch Kohheit und Laster jeglicher Art" ver- derbt war, und bald gehen die Erlebnisse mit Jungfer Kochin und Zimmermadchen noch ,,uber manches mit Be- dienten Erlebte". Zugleich hat er die grosse Bitte an Streicher, ihm ein Piano mehr nach seinem geschwachten Gehor zu richten, so stark als es nur immer moglich. Er habe die seinigen immer besonders vorgezogen, seit 1809.

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,,Es fallt mir iiberhaupt schwer jemandem beschwerlich zu fallen, da ich gewohnt bin eher fur Andere etwas zu thun als andere etwas ftir mich thun zu lassen," schliesst der Brief wenig frohmtithig.

Wir bleiben zunachst bei der Aufzeichnung der iiber- lieferten Thatsaclien.

Ein Kaufmann Gerhard in Leipzig hatte anakreontische Lieder geschickt. Am 15. Juli 1817 entschuldigt Beethoven sein langes Schweigen zum Theil mit ,,seiner seit beinahe 4 Jahren immerwahrenden Kranklichkeit", die seit Octbr. 1816 sich durch einen starken Entztindungskatarrh ver- mehrt habe. Andererseits eigneten sich die gesendeten Texte am wenigsten zum Gesang: ,,Die Beschreibung eines Bildes gehort zur Malerei, auch der Dichter jkann sich hierin vor meiner Muse glticklich schatzen, dessen Gebiet hierin nicht so begranzt ist als das meinige, so wie es sich wieder in anderen Kegionen weiter erstreckt und man unser Keich nicht so leicht erreichen kann." Wer eine Neunte Symphonic schrieb, hatte doppelt Anlass so zu reden.

Er weilt jetzt wieder in Nussdorf nah der Donau, kommt aber bei der geringen Entfernung haufig in die Stadt. ,,Mit ihrem Manne habe ich gesprochen," schreibt er am 30. Juli an die also damals die heimlichen Tannen- .walder bei Baden durchirrendeFreundin; ,,seine Theilnahme hat mir wohl und wehe gethan, denn beinahe hatte mir Streicher meine Eesignation erschiittert. Gott weiss, was es geben wird; da ich aber immer anderen Menschen bei- gestanden, wo ich nur konnte, so vertraue ich auch [auf seine Barmherzigkeit mit mir." Doch klingt hier durch

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alle Kesignation wieder jener echte Humor Mndurch, d sich ihm stets aus dem geistigen Schaffen wiedergebar, well er doch dabei die noch frisch webende Kraft des Le- bens empfand. Es zeigten sich schon Symptome der Besse- rung, wenn er auch furchte, dass das Haupttibel je ge- hoben werden konne. ,,0 Noth! Noten sind besser als Nothe und Noth," diesen oft variirten Scherz- und Schmer- zensruf entlockt ihm diesmal -- ,,ein neues Pflaster auf dem Nacken". Frau Streicher aber bedenkt aufs sorgfal- tigste den ,,armen kranklichen osterreichischen Musikanten", und dieser meint, er sei ein so armer Mensch geworden,, dass er ihr nichts vergelten konne; Gott werde ihn aber wohl einmal wieder in den Fall kommen lassen, dass er Gutes mit Gutem vergelten konne, da das Gegentheil davon ihn am meisten betriibe. Wirklich war es eine Aufgabe, hier Ordnung und Behagen zu stiften. Beethovens Eigen- heiten und sehr wechselnden kleinen Bedtirfnisse machten die Dienstboten meist bald ganz confus. Zudem waren sie durch seine besondere Lage, die sie ganz sich selbst tiber- liess, jeder Versuchung ausgesetzt, und so gibt es unaus- gesetzt neue Nothe. ,,Gott gebe es, dass ich nur nichts, gar nichts dariiber reden, schreiben noch denken mtisste, denn Sumpf und Schlamm sind im Kunstboden noch mehr werth, als all das Teufelszeug fur einen Mann," sagt er nach einer langen Darlegung solcher Verhaltnisse zur Frau Streicher. «

Am 12. August bekommt der ebenfalls krankelnde Zmeskall den trostlosen Zuruf: ,,Was mich angeht, so bin ich oft in Verzweiflung und mochte mein Leben endigen,

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denn es kommt nie zu Ende mit all diesem Gebrauclien. Gott erbarme sich meiner, ich betrachte mich so gut wie verloren. Wenn der Zustand nicht endigt, bin ich kiinf- tiges Jahr nicht in London, aber vielleicht im Grab." Ein echt Beethovensches Motiv aber erklingt aus dem Schluss- wort: ,,Gott sei Dank, dass die Kolle bald ausgespielt ist."51

In diesen Tagen muss denn wieder eine ktinstlerische Halbarbeit die Zeit der Noth verktirzen. ,,Bearbeitetes Terzett zu einem vierstimmigen Quintett vom Herrn Gut- willen und aus dem Schein von fiinf Stimmen zu wirk- lichen ftinf Stimmen ahs Tageslicht gebracht, wie auch aus grosster Miserabilitat zu einigem Ansehen erhoben vom Herrn Wohlwollen. Wien am 14. August 1817. NB. Die ursprungliche dreistimmige Quintett-Partitur ist den Untergottern als ein feierliches Brandopfer dargebracht worden" - - so soil auf dem Manuscript von Opus 104 ge- standen sein, welches Beethoven, angeregt durch eine ihm vorgelegte Arbeit, ,,frei bearbeitet und neu eingerichtet" aus demselben Trio Op. 1 III. bildete, dessen Herausgabe einst J. Haydn widerrathen hatte, weil er glaubte, es werde nicht leicht verstanden werden. Wir werden diesem Opus 104 noch wiederholt begegnen. Am 19. August aber vernimmt Schnyder von Wartensee (v. o. II. 341) bei Empfehlung Bihlers ,,Hofmeister bei Puthon" die schone Aufforderung: ,,Fahren Sie fort sich immer weiter in den Kunsthimmel hinauf zu versetzen, es gibt keine ungestor- tere ungemischtere reinere Freude, als die von daher ent- steht."53

Sogar praktisch executiv scheint denn auch diese

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Freude jetzt wieder mehr genossen worden zu sein. Man erinnere sich der beiden liebenswurdigen Billets an die anmuthige Frau Marie Pachler-Koschak aus Graz, auf deren geistige Entwicklung Prof. Schneller (s. o. II. 254) den bedeutendsten Einfluss gehabt und die schon im Oct.

1816 Beethoven etwas von ihren Versuchen hatte vorlegen lassen, liber welche nach aufmerksamem Durchlesen das Urtheil gelautet: es sei sehr viel fiir jemanden, der die Composition nicht studirt habe. In diesem Spatsommer

1817 nun war sie mit ihm ,,viel zusammen", und er schreibt ihr: ,,Ich bin sehr erfreut, dass Sie noch einen Tag zu- geben, wir wollen noch viel Musik machen. Die Sonate aus F-dur und C-moll spielen Sie mir doch? nicht wahr? Ich habe noch niemanden gefunden, der meine Composi- tionen so gut vortragt als Sie, die' grossen Pianisten nicht ansgenommen, sie haben nur Mechanik oder Affectation, Sie sind die wahre Pflegerin meiner Geisteskinder." Und eine Einladung nach Graz wird ,,nach der Meinung seines Arztes" sowenig abgelehnt wie Schnyders Wunsch ,,ihn einmal be- griffen zu sehen in dem Anstaunen der Schweizerischen grossen Natur". Doch war einstweilen manches andere zu thun. Ebenso ward bei Streicher zuweilen musicirt, und wir fugen hier eine Anekdote ein, deren Quelle Wiener Tradition ist. Einst war namlich der kleine Karl, der oft zu solchen Musiken mitgenommen ward, wahrend eines Vortrags auf des Onkels Schooss vor dem Claviere einge- schlafen. Als darauf aber etwas von Beethoven selbst gespielt ward, erwachte er beim ersten Accord und blickte freund- lich auf. Man frug ihn nach der Ursache und er antwor-

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tete hastig: ,,Das 1st Musik von meinem Onkel!" ,,Mcht wenig trug dies Benehmen des Knaben bei, dass ihn Beet- hoven lieber gewann" schliesst der Bericht.53

Immer hofft nun Beethoven in dieser Zeit auch wieder einmai seinem erzherzoglichen Schtiler ,,Beistand leisten zu konnen bei seinen den Musen gewidmeten Opfern". Allein Oesundheit und andere Drangniss erlauben es nicht, imd es ist nur bittere Wahrheit, wenn er am 1. Septbr. 1817 dem geistlichen Freund und Schtiler schreibt: ,,Gott wird wohl meine Bitte erhoren und mich noch einmai von so vielem Ungemach befreien ; indem ich vertrauungsvoll ihm von Kindheit an gedient und Gutes gethan, wo ich nur gekonnt, so vertraue ich auch ganz allein auf ihn und hoffe, der Allerhochste wird mich nicht in alien meineu Drangsalen aller Art zu Grunde gehen lassen." Denn ganz ebenso lautet die Klage, als er 8 Tage spater von Nussdorf aus dem Freunde Zmeskall ,,das 5tett" Op. 104 zum ,,bei sich machen" zusagt: ,,Tch probire ohne Musik alle Tage dem Grabe naher zu kommen."

Zwei Tage darauf ist die Antwort von London da. Wir besitzen sie nicht, es scheint jedoch, dass Beethovens Bedingungen angenommen worden waren. Allein trotz seinen Wtinschen war es ihm eben fur diese Saison nicht mog- lich zu reisen. .,Ich bitte Sie, der philharmon. Gesellschaft zu sagen, dass mich meine schwachliche Gesundheit daran verhindert," schreibt er erst am 5. Marz des nachsten Jahres an Ries. ,,Tantus quantus lumpus", wird dann am 25. Sept. ein tibrigens heiteres Billet an Frau Streicher unterzeichnet, und die weitere Eeihe solcher weiht uns

in neue okonomische Aufgaben ein: es gilt eine eigen Haushaltung zu errichten, um den Neffen zu sich zu neh- men. Man lese liber solche fur eine Natur wie Beethoven gewiss nicht unrichtig benannte ,,Herkulesarbeit" die oft tragikomischen Briefe selbst nach.

Wohl aber scheint trotz allem wieder wenigstena einige sommerliche Arbeit erzwungen worden zu sein. Zwar besitzen wir ein sicheres Datum der Entstehung in diesem Herbste nur fur die kleine humoristisch stelzen- hafte Quartettfuge in D (Op. 137), die am 28. Novbr. 1817 und zwar fur die von T. Haslinger veranstaltete kaligraphische Sammlung der Werke Beetliovens entstand, welche jetzt der Gesellschaffc der Musikfreunde in Wien gehort. Ebenso ward jetzt das Lied ,sKesignation" (ob. S. 99) vollendet und im nachsten Marz der Wiener Zeitschrift beigegeben. Von diesem Liedchen sagt ScMnd- ler (II. 156), Beethoven selber habe dessen ,,besonderen! Werth" in einem Briefe an Schickh, den Herausgeber der Zeitschrift, damit anerkannt, dass er denselben ersuchte, dem Dichter Graf en Haugwitz fur den Impuls zu so ,,gl1icklicher Inspiration" seinen Dank auszusprechen. Die inn ere Antheilnahme an dem ,,Lisch aus mein Licht!u| zeigt sich allerdings in der ausftihrlichen Bezeichnung ,,Mit Empfindung, jedoch entschlossen, wohl accentuirt und sprechend vorgetragen" : es soil die personliche Ueberzeu- gung von der Wahrheit dieses Ausspruchs auch dem Horer merklich eingepragt werden. ,,Du musst nun los dich binden" ist mit schoner Kraftigkeit gesagt, und wie der Uebergang von H-moll nach C-dur hellste Erinnerung an

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bessere Zeiten weckt, so gibt die zweimalige kleine Sexte in Gdur das deutliche Geftihl ,,Nun hat man dir die Luft entwandt". Resignation drtickt allerdings das Ganze aus. Aber wir wissen von fruher. was dies ,,elende Zufluchts- mittel" Beethoven im Grunde gait.54

Zum Rudolphstage (17. April) 1818 spatestens waren jedoch die beiden ersten ,,Stticke" von Opus 106 fertig, da sie damals dem Erzherzog tibersandt wurden, und zwar von Beethoven selbst abgeschrieben, denn sein Copist Schlemmer war krank. Und mag daran gefeilt sein in kurzen Wintertagen, eine Arbeit wie dieses Allegro hat eben doch ,,Riihe und Freiheit" im grossten Masse be- dingt. Die Grundstimmung muss auch den schonen Sommer- tagen und dem hohen Muthe, der ihn dann beseelte, wie es im Heiligenstadter Testament heisst, angehoren. Dies erkennt man schon aus der sieghaffcen Fanfare des einlei- tenden rhythmischen Hauptmotivs und der sich selig wie- genden Antwortsmelodie. Allein es ist seelisch und kiinst- lerisch iiberhaupt viel hineingewebt in dieses Glanzgewirk, das zugleich im vollsten Sinne eine Arbeit ist, wie sie in solcher Sicherheit u.nd Vollendung auch bei Beethoven nur Ergebniss treuesten Ausharrens bei der Sache ist. -Und der kiihn aufstrebende Geist dieses ersten Satzes, bei dem die so charakteristisch zwischen Dur und Moll schwebende letzte Melodie mit Triolen aufs schonste an den aus Freude und Leid gemischten Becher des Lebens erinnert, der aber in der Schlusscoda nach der letzten Trillercadenz voile Gewissheit der innern Erlosung athmet, - - dieser leist musste sich nach dem Scherzoso, das bei allem

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frohen Spiel doch schon sanfl sich neigt und eine damme- rungs voile Stimmimg andeutet, mit einer gewissen Notb- wendigkeit anch jene zutrauende Versenkimg in das All und Ewige erzeugen, die in dem Adagio sostenuto wal- tet, dessen Tonart allerdings oben noch nicht einmal fest- stand und das auch erst im nacbsten Jahre fertig dasteht. Beethovens ganze Verfassung in dieser Zeit weist auf die Stimmimg und den Gehalt dieses wahren Seelengedichtes bin, das bis dabin seines Gleicben nicbt batte und in der ungemeinen Tiefe seines Ausdrucks und der feinen Pro- filirung seiner Linien ebenfalls gute und sogar beste Zeit gebraucbt bat, wie sie von jetzt an bis zum nacbsten Herbst fast weniger als je zu finden war. Docb wie dem aucb sei, wir wissen, dass im Herbst 1818 das ganze Werk fertig war, und baben also aucb erst dann unser letztes Wort dartiber zu sagen. Uebrigens fiibren uns die Erlebnisse dieses Winters 1817/18 nicbts weniger als abseits von diesem Op. 106, dessen Adagio nun jenes ,,Sicblosbinden" wie vor unseren Augen vollziebt.

Dass nun dabei die ,,zwei Sinfonien" nicbt liegen bleiben, verstebt sicb von selbst. Verspricbt er docb die- selben bei Anwesenbeit Malzls in Wien im Dezember 1817 diesem Metronomerfinder zur Yorfiibrung auf gemein- scbaftlicben Kunstreisen! Der alte Pfiffikus batte ibm namlicb ein neues ,,Spracbrobr;t verfertigt und obendrein eine ,,Gebornaascbine zum Dirigiren" in Aussicbt gestellt, die ein wenig an Himmels ,,Laterne fur Blinde" (s. ob. II. 470) erinnert, und Beethoven seinerseits war scbon jetzt so freundlicb gewesen, den bekannten originellen Brief tiber

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die ,,noch aus der Barbarei der Musik herriihrenden Be- zeichnungen des Zeitmasses" an Mosel zu schreiben, den Malzl ins Franzosische tibersetzt dann moglichst verbreiten liess. Auch rtihren von daher die deutschen Bezeichnun- gen in Op. 101 u. f. Was sonst noch gesonneil und ge- sponnen in dieser Zeit, wissen wir nicht. Allein ,,ich mache nichts so fort und fort ohne Unterbrechung, immer arbeite ich an mehrerem zugleich, bald nehme ich dies bald das vor", so bestatigt Beethoven selbst gegen Bursy unsere Beobachtung in seinen Skizzenbiichern. 55

In der Stadt war also mit Hulfe der treuen Eurykleia derweilen wirklich eine eigene Haushaltung angefangen worden und zwar vermittelst Nanni der ,,busigen Betrie- in" und Baberl dem ,,sehlechten Schonheitsgesicht". Allein: ,,beide sind stumpfsinnig, ich bin dabei sehr ver- driesslich". So wird der Einen schon bald aufgesagt, der Andern aber zu Neujahr ein halb Dutzend Bucher an den Kopf geworfen, wovon wahrscheinlich durch Zutall etwas in ihr Gehirn oder ihr schlechtes Herz gerathen sein musse, denn sie sei dadurch ganz umgeandert. Dafur verleumden nun auch sie wieder ihren Herrn weidlich bei seiner Hel- ferin, und dies gibt Scenen im Streicherschen Hause, die der Empfindlichkeit von Beethovens Wesen mehr ,,bescha- mendes Geftihl" bereiten mussten als ,,all die Opfer der Freundschaft, die er von der vortrefflichen Frau anzunehmen genothigt war". Und es war nattirlich die Undankbarkeit gegen seine hausliche Wohlthaterin, was bei ihm solche Menschen wieder ,,aufs tiefste heruntersetzte". Allein alles irtrug er, urn nur seinen ,,lieben Sohn Karl" bei sich zu

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haben und von Leuten zu entfernen, die allerdings bei einem so regelmassigen Zusammensein, wie er es wegen der Nahe seiner Wohnung in der Gartnerstrasse diesen Winter bei Giannatasio's abends genoss, seiner Versunken- heit ins Ideale wie ,,Alltagsmenschen" erscheinen mussten, von denen er aber trotz der etwas mangelhaffcen Ausbil- dung des Knaben bei der spateren Entfaltung von dessen Character doppelt die Wahrheit dessen empfand, was er bei der ersten Absicht ihn aus dem Institut zu nebmen schrieb: dass er niemals vergessen werde, dass dort des Knaben physisches und moralisches Wohl begriindet wor- den sei. Hatte er nur diesen tneils aus ubergrosser Zart- lichkeit theils aus zu hohen Begriffen von dem Knahen selbst hervorgehenden Schritt unterlassen! Es ware ihm viel Leid erspart worden, und auch der Knabe ware ge- sicherter gewesen. Denn war es der ,,bestialischen Mutter" schon im Institut moglich, sicn Zugang zu ihm oder doch Auskunffc zu verschaffen, wie sollte derselbe in einem Haus- halt gehtitet werden, wie ihn Beethoven fuhren musste, da seine Art des ktmstlerischen Schaffens naturgemass die grosste Unachtsamkeit auf die ausseren Dinge mit sich brachte! War es also nicht schon die Uebernahme der Vormundschaft tiberhaupt gewesen, so musste dieser Schritt gewiss es sein, was seinen Freunden ein gefahrlicher Eigen- sinn dtinkte und einen lebensverstandigen Mann wie Breu- ning sogar zu Auseinandersetzungen trieb, die bald von selbst die Trennung der beiden Freunde herbeifuhrten. Auch war der Knabe offenbar selbst nicht ungern im Institut gewesen. Denn Beethoven hatte selbst bemerkt, dass er

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dankbar gegen ,,diese Giannatasio'schen" war. Sie mussten denn auch bald dem armen, durch eigene irrige Yorstel- lung von dem Bechten das hier zu thun bethorten Mann

von neuem aushelfen.56

Am 24. Jan. 1818 also, nachdem die hausliche Ein- richtung beendet war, die sogar ,,eine von den 7 Miihen des Herkules, die Sichtung seiner Papiere" mit sich ge- bracht hatte, lasst er Karl durch einen Dritten abholen, - da es immer eine Art von Absckiednehmen ware, und der- gleichen habe er von je vermieden. Es hatte sich zugleich einer der ausgezeichnetsten Professoren der Universitat ge- funden, der ihm alles was Karls Unterricht betraf, aufs beste besorgte und anrieth. ,,Dem Himmel muss ich danken, dass ich tiberall Menschen finde, die sich besonders jetzt meiner annehmen", schreibt er in der Freude seines Her- zens an Frau Streicher. Der Knabe selbst war ,,frohen Muthes und viel aufgeweckter als sonst" und zeigte dem Onkel jeden Augenblick seine Liebe und Anhanglichkeit, und Beethoven Melt tiberhaupt damals gegen Giannatasio mit Grund daftir, ,,dass er zwar leichtsinnig aber doch keine Bosartigkeit in ihm herrsche, noch viel weniger er ein schlechtes Herz habe." Auch ein Hofmeister wurde- genommen und vor allem nach einer zuverlassigen Haus- halterin ausgeschaut, ,,da es ganz gewiss, dass er entweder halben Juni oder Ende September Wien verlassen musse". Denn die Gesundheit bessert sich, daher es auch kurz vor- her gegen Frau Streicher heisst: ,,Ich sage Ihnen nur, dass es mir besser geht, ich habe zwar diese Nacht ofter an meinen Tod gedacht, unterdessen sind mir diese Gedanken

Nohl, Beethoveus letzte Jahre. 9

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Ries:

am Tage auch nicht fremd", und am 8. Marz gegen ,,Ich hoffe aber dies Friihjahr ganzlich geheilt zu werden und von dem mir gemachten Antrag der Gesellschaffc im Spatjahre Gebrauch zu machen und alle Bedingungen der: selben zu erfullen".

So ward fiir die gut kochende ,,Peppi" der Frau Strei- cherin .,unendlicher Dank" gewusst und allmalig auch mit der ausdauernden Hulfe derselben einer Ordnung nahe ge- rtickt. ,,Gott gebe, dass ich nur meiner Kunst mich wieder ganz widmen kann; alle meine tibrigen Umstande wusste ich sonst dieser ganz unterzuordnen , nun bin ich freilich hierin etwas verrtickt worden", schreibt er, und da also obendrein sein braver Sc hi emmer krank geworden, muss er auch seine ,,Airs ecossais" selbst copiren, und was sind ihm gegen solchen Zeitverlust die ,,quelques ducats de plus 1 qu'ordinaire", die er dafur am 21. Febr. von Thomson er- i bittet? Zugleich erklart er sich gegen denselben zu 12 The- men mit Variationen fiir 100 Due. bereit, die die Erholung der nachsten Jahre bilden sollten. Als Hauptarbeit haben wir dabei stets die Sonate Op. 106 und die ,,2 neuen Symphonien" im Auge zu behalten, die er ja am 30. Marz des folgenden Jahres 1819 verspricht fertig mit nach Lon- don zu bringen! Dazu hatte er noch diese Absicht: ,,auf den Leipziger October ein Nationallied schreiben und die- ses alle Jahr auffuhren, nb. jedes Volk mit seinem Marsch und dem Te Deum laudamus!" Und den Londoner Aus- sichten gemass enthalt ebenfalls das Tagebuch zwischen Februar und Mai d. J. 1818 die Notiz: ,,ein [Orato- rium] geschrieben, worin auch Melodramatisches vorkommt.

kurzum Cantate mit Chor Schauspiel, sodass man sich in allem zeigen kann."57

Wahrlich wieder Plane und Intentionen genug! Und wenn wir nun auch die fernere Lage kennen lernen, wer- den wir uns aller dings ,,vielmehr tiber das wundern, was er hierbei noch leiste" wie er am 16. April 1818 an Kies schreibt und nicht tiber seinen Ausruf: ,,Gott helfe mir, ich appellire an ihn als letzte Instanz." Zunachst kommen wieder verschiedene schlimme Begegnungen mit der ,,Ko- nigin der Nacht". ,,Seit dem 10. August sah die Mutter Karl nicht", steht im Tagebuch nach dem 20. Febr. 1818. ,,Hartes ist ohnedem mehr bierbei als mir lieb" scbreibt er schon am 3. Juli 1817 an Zmeskall, um ibn einzuladen mit dem obenerwahnten Bihler zugegen zu sein, wenn die Mutter bei ihm zu Hause ihr Kind sehen werde. Denn bei den Landrechten werde ein Hofsecretar besser aufge- nommen als ein ,,Mensch ohne Karakter jedoch von Ka- rakter", wobei er jedocb drollig genug per P. S. alle Miss- deutung sich verbittet. Am 19. Aug. 1817 meldete er ins Institut, wo ,,diese Frau" wieder allerhand ,,Geschwatz" gemacht und trotz seiner und Anderer Gegenwart Karl ,,in der Geschwindigkeit etwas von ihrem Giffce mitgetheilt" hatte, der Yersucb ob sie durcb ein duldendes gelinderes Betragen vielleicbt zu bessern sei, sei gescheitert, es imisse bei der alten notbwendigen Strenge bleiben: ,,kurz und gut, wir mtissen uns scbon auf dem Thierkreise halten und sie Karl nur 12mal des Jahres nolen lassen und ihn dann so verpallisadiren, dass sie ihm auch nicht eine Stecknadel heimlich beibringen konne." Karl dtirfe keine andere Vor-

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stellung von ihr erhalten, als welche er ihm fruher schon gemacht, namlich sie als Mutter zu ehren, aber ja nichts von ihr nachzuahmen: ,,hierfur muss man ihn stark warnen".

Du wiirdest um dein Gliick gebracht, Wenn ich dich in ihren Handen Hesse,

singt Sarastro und ,,mir klingt der Muttername siisse" Pamina. So hatte auch diese thorichte Frau bei ihren Intri- guen gegen unsern misanthropischen Menschenfreund natur- lich den Knaben auf ihrer Seite. Sie selbst aber suchte alles andere eher als dessen Heil. Um sie nun zufrieden zu stellen, hatte Beethoven ,,ihren Wtinschen ganz ent- sprochen". Und wir erfahren aus dem Tagebuche, dass dies in der That in sehr weitem Umfange und zu person- sonlichem Nachtheil des Vormunds geschehen war, der jetzt bis auf einen geringen Beitrag aus dem Yermogen des Kna- ben, namlich die gesetzlich demselben zugesicherte Halfte der Pension mit 440 FL W. W., dessen ganze Erziehungs- kosten allein zu tragen hatte. Namlich wir haben um ihrer Folgen willen diese Binge genau zu constatiren, Karl war vom Vater zum Universalerben eingesetzt worden, und die ,,beiden Slamatschen Schuldschein oder Satz von 4000 FL", die auf dem Hause der Mutter lagen, gehorten aus der Disposition des Grossvaters ganzlich dem Neffen zu, wahrend der Mutter davon der lebenslangliche Frucht- genuss blieb. Also kam der 4. Theil des Schatzungspreises des Hauses von 16,400 Fl. auf Karl. DasHaus trug 1930 Fl. Zins ohne die Wohnung der Mutter, welche ebenfalls 600 Fl. geschatzt war, ,,alsdann die Halfte der Pension!" schliesst diese Notiz des Tagebuchs, aus der allerdings z

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voller Geniige die ,,ganzlicheUneigenniitzigkeita des Vormunds Beethoven hervorgelit, wahrend er sich mit ,,191 §. des neuen Gesetzbuches", wie unmittelbar dahinter steht, tros- ten durffce, dass die fast schon offentlich verrufene Frau nicht ohne triftigsten Grund von der Vormundschaffc aus- geschlossen blieb.58

Allein sie liess nicht ab Beethoven zu plagen und lag ihm und Andern in den Ohren, sie sei durch den Yer- gleich tibervortheilt worden und habe nichts zu leben. ,,Die Mutter Karls suchte selbst den Vergleich", schreibt also Beethoven anfangs 1818 ins Tagebuch, ,,allein die Basis davon war, dass das Haus verkauft werden sollte, wo man annehmen konnte, dass alle Schulden bezahlt wurden und nebst der Halfte des Wittwengehalts , nebst dem ubrig bleibenden Theile vom verkauften Hause, nebst dem Fruchtgenuss des far Karl Bestimmten sie nicht bloss anstandig, sondern sehr wohl leben konnte. Da aber das Haus nicht verkauft ward, da man vorgab, dass schon die Execution hierauf lastete, so mtissen meine Scrupel nun aufhoren und ich kann wohl denken, dass sich die Wittwe nicht schlecht bedacht, welches ich ihr von Herzen wtinsche. Das Meinige, o Herr, hab' ich erfiillt. . . Es sei moglich gewesen ohne Kraukung der Wittwe. Es war aber nicht andem, und Du Allmachtiger siehst in mein Herz, weisst dass ich mein eigenes Beste um meines theuren Karls willen zurtickgesetzt habe, segne mein Werk, segne die Wittwe, warum kann ich nicht ganz meinem Herzen fol-

gen und sie die Wittwe furder Gott, Gott mein

Hort, mein Fels, o mein Alles, Du siehst mein Inneres

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und weisst wie mir es thut Jemanden leiden machen zu mtissen bei meinem guten Werke fur meinen theuren Karl!!! o hore stets Unaussprechlicher, hore mich Dei- nen ungliicklichen ungliicklichsten aller Sterb- lichen!'r

Wir werden die ergreifende Melodie zu solchem Ge- bete bald kennen lernen. Und jetzt mag wohl selbst de- voten Schonwaschern und unterscheidungslosen Aftergelehr- ten der Ausruf an Kies aus diesen Tagen begreiflich erschei- nen: ,,Ich wiinsche und hoffe ftir Sie, dass sich Ihre Glticks- umstande taglich verbessern. Leider kann ich das nicht von mir sagen, durch meine ungliickliche Verbindung mit diesem Erzherzog bin ich beinahe an den Bettelstab ge- bracht. Darben kann ich nicht sehen, geben muss ich; so konnen Sie auch denken, wie ich bei dieser Lage noch mehr leide. Ich bitte Sie mir einmal bald zu schreiben. Wenn es mir nur moglich, mache ich mich noch frtiher von hier weg, um meinem ganzlichen Euin zu entgehen und treffe alsdann im Winter spatestens in London ein. Ich weiss dass Sie einem ungliicklichen Freunde beistehen werden." Denn sowenig er als Mensch darben sehen konnte, vermochte er als Kunstler es irgend iiber sich zu gewinnen, der Oeffentlichkeit ein Werk zu tibergeben, ehe es den Stempel der Vollendung in jedem kleinsten Zuge trug. Und ihm selbst war nicht wie seinen Verlegern Steiner und Haslinger ,,der Grundsatz zuzuschreiben, dass er das Publicum achtungslos behandele und dem Autor ge- wissenlos seinen Euhm schmalere." Und doch hatte er von den gleichen Werken zu subsistiren, und selbst das ,,Ge-

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chmier urn des Gel'des willen" durfte nicht anders als das Oesicht der Beethovenschen Kunst tragen. Denn eben um ihrer Vollendung willen liefen an ihn solche brodgebende Bestellungen ein. In welch anderem Lichte mtissen also jetzt die vielen Entschuldigungsbillets an den Erzherzog erscheinen, denen vollige Unkenntniss der inneren und ausseren Lage Beethovens offc gar Erdichtung der Ilrsachen andichten mochte! Und wie tief musste von ihm selbst der Anruf aus Tiedge's Urania empfunden sein, den er in diesem Friihjahr 1818 ,,in doloribus" als Aufgabe ftir seinen fiirstlichen Freund componirte: ,,0 Hoffnung, o Hoffnung! Du statist die Herzen, du milderst Schmerzen!" -- die dieser dann in voller Seelenruhe ,,vierzigmal veranderte", gewiss ohne auch nur eine Ahnung von dem Sinne zu haben, womit diese Worte hier in Tonen gewissermassen personlich vorgetragen waren.

,,Die ihr durch Schonheit herrscht, schimmernd hehres Geschleeht!"

rtiffc im Mbelungenring Fasolt der Eiese den Bewohnern TTalhalls zu, und in der That, was wissen sie von der Noth der Erde und der schwieligen Arbeit selbst eines Genius der Kunst? Am Eudolphstage dieses Jahres aber waren eben die ,,2 Stiicke" von Op. 106 dem erhabenen Schuler als getreues Opfer der Freundschaft wie der Musen dargebracht worden. 59

Steigen wir in den ,,Sumpf und Schlamm" dieses Lebens zuriick! Die Konigin der Nacht fuhrte ihr leichtes Le- ben fort und machte Schulden liber Schulden. ,,Nach dem letzten Ausweis schienen die Schulden der Witt we 24,025 Fl. und 145 Due. zu betragen, sie scheinen freilich noch nach

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meines Bruders Tode vermehrt worden zu sein Bek genswerthes Schicksal, warum kann ich auch nicht helfen!" steht im Tagebuch vor dem 19. Mai 1818. Trotzdem ha1 unser Sarastro ihr stets wieder geholfen und gar dur Contrahirung eigener Schulden. Schlimmer aber war dass sie fortwahrend dem Knaben nachstellte, und wie dies gelang, erfahren wir jetzt in den schmerzlichsten Ausrufen durch Beethoven selbst. ,,Am 19. Mai 1818 hier in Mod- ling eingetroffen", heisst es im Tagebuche. Am 18. Juni ergeht dann von dort aus ein langes Schreiben an die Helferin Eurykleia mit der Schlussbitte um ,,etwas Trost- liches wegen der Koch-Wasch-Nah-Kunst". Er hatte jah- lings beide Dienstboten ,,zum Teufel jagen" miissen. So- wohl die ,,elephantenartige Peppi" wie die heimtuckische j ,,Alte" batten sich, wie jetzt berans kam, nocb in Wien durch Caffee Zucker und Geld von der Mutter zur Ermog- lichung von heimlichen Zusammenkunften mit Karl be- stechen lassen, und sogar der ,,Pfaff hier", der ein Erzie- hungsinstitut hatte und Karl fur diese Sommerzeit bei sich in Unterricht nahm, war bei solchen Zusammenkunften mit im Spiel gewesen. Beethoven war schon zwei Tage j vor der Abfahrt aus der Stadt durch einen anonymen Brief, j der ihn durch seinen Inhalt mit Schrecken erfullte, gewarnt j worden und hatte Karl sogleich gefasst, aber: ,,da ich ihn ofter j erschtitternd nicht ohne Ursache behandle, so furchtete er sich zu sehr, als dass er gleich alles gestanden hatte". Darauf sprach er auch im Wagen gegen den kleinen Uebel- thater seine Befurchtungen aus. Aber die ,,greise Verra- therin" hatte ausgerufen, er solle sich nur auf sie ver-

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ich es mit Fleiss hingehen, bis es noch einmal, was ich zwar nicht vennuthe, geschehe, wo ich dann Seiner Hoch- wurden ihre Geistlichkeit mit solchen geistigen Priigeln und Amuletten und mit meiner ausschliesslichen Vormund- schaffc und daher riihrenden Privilegien so erbarmlich zu- ricliten werde, dass die ganze Pfarrei davon erbeben soil!''

So richtet sich wohl der Lowe auch hier auf. Allein: ,,mein Herz wird schrecklich bei dieser Geschiclite ange- griffen und noch kann ich mich kaum erholen". Natiirlich war jetzt auch alles Uebrige bei ihm in Verwirrung: ,,jedoch wird man nicht nothig haben mich in den Narrenthurm zu ftihren; ich kann sagen, dass ich schon in Wien schrecklich wegen dieser Geschichte gelitten und daher nur still fur mich war."

,,Sieht er, mit solchem Pack muss ich mich herum- schlagen!" lautet ein Wort des alten Fritz. Und was gehorte dazu, aus solchem Sumpf und Schlamm sich dann immer wei- ter in den Kunsthimmel hinauf zu versetzen. Ftirwahr eine neueArtvon,,KunstlersErdenwallen"! Am tiefsten aber traf bei seinemlebhaffcenPflichtgefuhl diesen an sich ,,Gerechten" das dunkle Bewusstsein davon, dass denn doch am Ende auch hier viel an seiner eigenen Unachtsamkeit liege, so- sehr diese selbst wieder aus seiner ganzen Verfassung und Lage hervorging. So denkt er stets nur an das Geschick des Knaben. ,,Machen Sie nur nichts bekannt, da man auf Karl nachtheilig schliessen konnte", schreibt er der Freundin; ,,nur ich, da ich alle Triebrader kenne, kann fiir ihn zeugen, dass er auf das schrecklichste verfuhrt ward". In solcher liebenden Schwache sammelten sich

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llmalig die Diinste, aus denen spater ein so schwer treffen- der Strahl auf sein eigenes alterndes Haupt zucken sollte. 60 Doch jetzt, wo uns nach solcher zeitweiligen Saube- rung der Atmosphare das so unerquickliche Thatsachen- material aus Beethovens Leben kurze Zeit verschont und der Abschluss des e.inen bedeutenden Werkes seines Schaffens wie der Eintritt eines anderen noch umfangreiclieren nahe bevorsteht, konnen auch wir uns wieder fur einen Moment besinnen, was denn Ergebniss all dieser so buntscheckig und schreiend an uns vortibergezogenen Daseinsscenen war. Wir werden dabei an eben diesem derweilen vollendeten Op. 106 erkennen, dass durch all den Teufelsspuk und Hexentanz seines Lebens hindurch sein Ange fur den Zu- sammenhang und Zweck des Daseins nur noch hellsichtiger geworden war. Die vielen und oft schmerzlichsten Prii- fungen zumal in einer Kegion seines Innern, die bisher nur selten und nicht entscheidend beriihrt worden war, batten in heftigen Eiittelungen der Grundelemente gewisser- massen eine neue Setzung desselben erzeugt, und gerade die nothgedrungene stete Beriihrung mit der allerlacherlichsten Beschranktheit und Begehrlichkeit des Lebens musste einen solchen Sinn nur tiefer auf dessen wirklicnen Bestand oder vielmehr Nichtbestand fuhren. So sehen wir neben kuhnem Kingen und muthig frohem Ankampfen immer mehr in ihm das Bediirfen und Hinaufschauen nach einem wirklich Festen und Dauernden erstehen, und ein sehnsuchtsvolles Anlehnen der ganzen Seele an das All und Eine der Welt, nein an eine ganz neue, nur in der Tiefe der Menschen- seele bestehende Welt erfullt sein Herz. Sein Inneres

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lernt in echter Menschenbescheidung dem Sinn und Zwecl all dieses Treibens sich fiigen und gewinnt daftir gewissei massen personlichen Antheil an jenem ,,Allmachtigen, gen, Unendlichen", zu dessen Ehre er einst seinen Gesang zu schreiben und anzufuhren gelobt. Laut erklingt dann aus seinen Tonen auch wieder die Harmonie dieses Ganzen und Ewigen in der Menschenbrust selbst.

Die Senate Op. 106 ward wenigstens in den beiden letzten Satzen in diesem Sommer 1818 in Modling ausge- arbeitet und fiber den Herbst druckfertig gemacht. Am 15. Sept. 1819 zeigt sie Artaria in der Wiener Zeitung^ ,,dem Wunsch des Autors entgegenkommend" mit der Be- merkung an, dass. dieses Werk vor alien anderen Schopfun- gen dieses Meisters nicht allein durch die reichste und grosste Phantasie ausgezeichnet sei, sondern dass dasselbe in Kiicksicht der kunstlerischen Yollendung und des ge- bundenen Styles [!] gleichsam eine neue Periode fur Beet- hovens Claviermusik bezeichnen werde ! Der Meister selbst also Melt etwas Besonderes auf dieses Werk, dem Inhalt wie der Form nach, die ja jenen erst zur Erscheinung bringt. Dem entsprechend befindet sich auch bei den Auf- zeichnungen Zmeskalls in der Fischhofschen Handschriffc eine ausfuhrliche Besprechung desselben aufbewahrt, die zu- gleich beweist, dass man schon damals zum Theil auch solch hochsten Schwung des Genius zu wtirdigen wusste und stets mehr begriff, dass hier sich eine neue Welt gebar.. Wenn er bisher in dieser ,,romantischen Welt", wie es nattirlich hier heisst, mit magischer Kraft die Geister be- lebt und zu wunderbaren oft schauerlichen Tanzen aufzu-

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rufen gewusst, so habe dies jedes der hoheren Lust der Tone verwandte Auge mit froher Bewunderung gesehen und dadurch der Gentisse viele voraus gehabt vor denen, welche in dem Seelenhauche der Musik weder den Beginn eines Geisterlebens zu ahnen wissen, noch zum Yerstehen dieser ,,gewaltigen Ursprache der Welt" begabt seien. Be- zeichnend ist dabei von dem ,,Strom der Gefiihle eines in wonnevoller Beschauung seiner eigenen Welt wogenden Gemiiths" Rede, sowie von der ,,aus der tiefen Seele des Meisters hervorgehenden Schopfungsfreiheit". Im 1. Satze rege sich sein Genius durch die Kreise der Harmonie mit gewaltiger hinreissender Kraft und bilde mit humoristi- scher Feinheit die seltsamsten Gruppirungen seiner Gestal- ten, die sich zu einem Ganzen